Vierzehn Stunden Schweden: Ein Frühlingstag in Malmö

Ich fühle mich übernächtigt. Ich sitze auf irgendeiner Bank in irgendeinem Park in irgendeiner Stadt in irgendeinem Land, in dem ich noch nie vorher gewesen bin.
Es ist vielleicht halb 10 Uhr früh und ein Rentner schiebt sein Fahrrad am Ententeich vorbei. Die Enten quaken, Vögel zwitschern und der künstliche Wasserfall plätschert vor sich hin. Plätschert von jenem vielleicht eineinhalb Meter hohen Felseninselchen im Teich.
Der Himmel ist bewölkt und es ist tendenziell kühl.
Vor mir ist das imposante Gebäude der Stadtbibliothek und die ist zur Zeit noch geschlossen.
Es sieht verdammt nach Regen aus.
Was will ich hier eigentlich?
Ich muß gähnen Hinter mir tobt der Verkehrslärm einer großstädtischen Durchgangsstraße. Ein Presslufthammer hämmert und zwei Enten kommen näher und wollen was von meinen Keksen abhaben. Eine junge Mutter schiebt einen Kinderwagen vorbei.
Ich bin in einem fremden Land und alles ist viel weniger exotisch als ich es erwartet habe.
Also gut: Morgens früh um sieben auf dem Dampfer reibe ich mir verschlafen die Augen. Land in Sicht. Diesigdunstiger Nieselregen, der Landstreifen wird breiter, Häuser und Hafenanlagen tauchen auf, dann die Lautsprecheransage und eine Stunde später betrete ich zum ersten Mal in meinem Leben schwedischen Boden.
Passkontrolle. Der Afrikaner vor mir braucht länger, ich dagegen werde schnell durchgewunken.
Trelleborg schläft.
Eine schlafende Fußgängerzone, schlafende Cafes, schlafende Läden. Schlafender Stadtpark. Sogar Mc Donalds hat noch zu.
Wie durch ein Wunder entdecke ich eine Wechselstube, die offen hat und in der ich für zwanzig britische Pfund knapp zweihunderfünfzig schwedische Kronen kriege.
Der Bus nach Malmö kostet 40 Kronen und ist brechend voll.
Was macht man in Malmö morgens um 8?
Der Bahnhof ist schön. Ein Kopfbahnhof. Endstation. Von hier aus führen alle Wege nach Norden. Es gibt einen Superschnellzug nach Stockholm und vielleicht kann man ja sogar von dort aus ja bis zum Polarkreis weiterfahren.
Gegenüber vom Bahnhof ist ein Fährterminal, von dem aus gerade ein schnelles Tragflügelbot nach Kopenhagen startet. Ob ich mal auf nen Sprung rüber soll?
Der Kaffee im Bahnhofsrestaurant kostet zwanzig Kronen. Eine Postkarte nach Deutschland sieben. Ein Schließfach zehn.
Immerhin bin ich mein Gepäck jetzt endlich los. Ich laufe ein wenig unschlüssig herum und vergleiche Preise. In der Tourist Information gibts ganz umsonst ein dickes Bündel Broschüren und sogar einen brauchbaren Stadtplan.
Ganz besonders stolz sind sie wohl auf ihre Brücke. Jene Brücke soll demnächst mal Malmö mit Kopenhagen verbinden und die schönen Tragflügelboote überflüssig machen. Und weil sie gerade dabei sind, bauen sie gleich noch einen Tunnel vom Brückenkopf durch die Innenstadt zum Bahnhof.
Also gut, dann schau ich mir mal die Stadt an.
Eine Fußgängerzone. Ein ziemlich großer Platz. Steinhäuser, für die Ewigkeit gebaut. Kaufhäuser und Geschäfte. Könnte auch Deutschland sein. Oder England. Oder sonstwo.
Dieselben Steakhouse- und Burger-Ketten wie überall. Nur die Sprache unverständlich. Ich beginne, Worte zu erraten.
Stortorget heisst soviel wie „großer Platz“. Das krieg ich ganz ohne Wörterbuch raus. Und der Platz ist ganz nett, und groß natürlich, mit Bäumen und diversen Denkmälern. Die Fußgängerzone geht noch weiter. Am Gustaf-Adolf-Torget sieht es etwas belebter aus, abends scheint öfters mal was los zu sein.
Vor dem drohenden Regen fliehe ich in die Bibliothek und kaum bin ich drin, da schüttet es auch schon in Strömen.
Um Himmels Willen, wie soll ich bloß sie restlichen sieben Stunden Malmö herumkriegen?
In der Bibliothek kann ich mich häuslich niederlassen.
Neben mir sitzt ein Typ mit Krawatte, schräg gegenüber ein ziemlich junges Mädel.
Ich übe mich in soziologischen Studien. These Eins: Nicht alle Schwedinnen sind blond. In der Tat entdecke ich sogar einen ziemlich beachtlichen Ausländeranteil.
These zwei: Nicht alle Blondinen sind hübsch. Manche sind ziemlich übergewichtig.
Und These drei: Es gibt auch hübsche, Nicht-blonde Schwedinnen. Schade, daß mein Schwedisch nicht zum Flirten ausreicht.
Genaugenommen sind meine Schwedischkenntnisse sogar gleich null, aber erstaunlich viele Worte lassen sich erraten.
Ich entdecke einen öffentlichen Internetcomputer, und trotz schwedischer Tastatur und Browsereinstellung schaffe ich es – nach mehreren Systemabstürzen – ein paar Emails zu verschicken.
Da sitze ich also: In einem fremden Land, in einer fremden Stadt und schreibe Emails nach England.
Das hat schon etwas Dekadentes. Irgendwie verrückt.
Draußen klart sich der Himmel auf und die Sonne kommt heraus.
Ich wandere durch weitläufige Parks. Diese Parks sind von Wasserläufen durchzogen, man muß aufpassen, wo man landet, nicht überall gibts Brücken. Aber der kostenlose Stadtplan von der Tourist Information leistet gute Dienste.
Im Park gibts eine Windmühle und ein Schloß, das Malmö-Haus oder so ähnlich. Das sehe ich aber nur von hinten, finde mich dann vor einem Technik-Museum wieder, überquere eine Straße, laufe über eineWiese und stehe dann am Meer.
Naja, was man hier halt so als Meer bezeichnet. Eine Uferbefestigung aus groben Steinbrocken, rechter Hand Hafenanlagen und linker Hand…. da ist sie, jene legendäre Brücke.
Ein Stück Fahrbahn ist schon fertig, ein Hauptpylon, mehrere Pfeiler, die im Nichts enden, irgendwo mittendrin eine künstlich aufgeschüttete Insel.
Drüben, nicht allzuweit weg ist die dänische Küste. Oder das dänische Ufer. Wirklich, man kann fast rüberspucken, es wirkt eher wie ein breiter Fluß als ein Meeresarm. Ist das auf der anderen Seite schon gleich Kopenhagen?
Ich drehe um, gehe zurück in Richtung Stadt und lande auf dem Friedhof.
Ein uralter Friedhof mit Bäumen und Grabsteinen aus dem letzten Jahrhundert, eher ein Park. Und gleich nebendran ist der Gustaf-Adolf-Torget, der Platz, an dem das Kneipenleben tobt.
Ich teste die lokale Gastronomie.
Die Falaffel im Triangelen-Shopping Centre ist ganz okay, billig und deutlich milder gewürzt als erwartet.
Irgendwo finde ich auch ein passables Café.
Ich streife durch die Fußgängerzone. Nicht, daß ich in den großen Kaufrausch verfallen würde, aber mein Schreck über die exorbitanten Preise legt sich bei näherem Hinsehen ein wenig.
Auf dem Stortorget findet eine Demonstration statt, es geht um den Krieg im Kosovo. In den Kinos laufen dieselben Filme wie überall sonst auf der Welt. Es gibt ein paar schöne, alte Kinos.
Aber muß ich mir jetzt einen schwedisch synchronisierten Holywoodschinken reintun?
Ich habe noch ein wenig Zeit und streife lieber durch das Kneipenviertel.
Da ist eine Gruppe giggelnder junger Frauen, eine trägt eine Art Brautkleid und muss irgendwas singen. Also wiedermal eine ethnologische Studie: These eins: Sie ist einfach besoffen. These zwei: Es handelt sich um einen lokalen Hen-Night Brauch, entfernt verwandt mit dem deutschen Polterabend. These drei: Beide Thesen schliessen einander nicht aus.
Es ist ein angenehm milder Frühlingsabend und ich beschließe, daß Malmö mir gefällt. Ich schreibe ein paar Postkarten und mache mich dann auf den Weg zum Bahnhof.
Der Zug steht schon bereit.