Ben Whitcombe und seine Reise

Am Freitag, dem ersten August 2008 verfinsterte sich die Sonne. Der Kernschatten des Mondes raste von Kanada aus über das Polarmeer, an Grönland und Spitzbergen vorbei auf Europa zu und wo er hinfiel, dort wurde es zwei Minuten lang Nacht.
In Budapest hingegen nahmen nur wenige Sternkundige von dem Ereignis Notiz.

Mit diesen Worten beginnt mein Roman „Wege nach Lyonesse“.
Der Investmentbanker Ben Whitcombe weiß noch nicht, dass er wenige Stunden später zu einer Reise aufbrechen wird, die ihn bis ans andere Ende des Kontinents führen wird…
Das Abenteuer beginnt in Budapest, einer Stadt, die ich noch nicht kannte, als ich diese Zeilen geschrieben habe. Seither war ich mehrmals dort und beneide meinen Protagonisten ein wenig dafür, dass er drei Jahre lang dort leben durfte.

Szimpla Kert, Budapest

Das Szimpla Kert ist die vielleicht Bekannteste, älteste und etablierteste der sogenannten Abbruchkneipen mitten in Budapest.
Also: ein großes Wohnhaus aus dem 19. Jahrhundert, mit mehreren Innenhöfen, die überdacht sind. Der Eingang zu diesem Laden ist betont uneinladend ein richtig fieser Durchgang zum Hinterhof.Das Ding erstreckt sich über zwei Etagen und besteht aus zahlreichen Räumen, von denen jeder anders eingerichtet ist. Die Wände voller Graffiti. Barhocker, Sperrmüll-Mobiliar, Schrott kreativ zusammengeschraubt, Pflanzen, schummeriges Licht.
Ich setzt mich auf das, was früher mal eine Fensterbank war. Rechts von mir ist ein ehemaliges Zimmer einer ehemaligen Wohnung, links eine Art umlaufender Balkon um den ehemaligen Innenhof. Ich befinde mich im ersten Stock. Darüber ist der Innenhof provisorisch überdacht.
Im Innenhof schwebt eine aus Schrott zusammengeschweißte Figur und bunte Glühbirnen.
Leute gehen mit Drinks in der Hand durch die Räume und bestaunen die Einrichtung.
Zwei Pärchen verewigen sich mit Graffiti an der Wand. Eine junge Frau tippt auf ihrem Handy.
Der Laden ist spannend. Wahnsinnig spannend.

Holzklasse im Eurostar

Draußen ist noch Landschaft. Braune, manchmal grüne Wiesen, kahle Bäume, eintönig-weiss-langweiliger Himmel. Auf den Sitzen vor mir eine Vierergruppe von jungen männlichen flämischen Belgiern, die pausenlos auf flämisch reden und lachen, neben mir ein misantropischer älterer männlicher flämischer Belgier, der in einem flämischen Buch liest und mit mir um die Armlehne kämpft. Irgendwo ist ein Zweiersitz frei, aber man traut sich nicht, dort zu sitzen. Könnte ja belegt sein. Stattdessen also eingezwängt zwischen Rucksack und Ellbogen des Nachbarn. Ich versuche, die Füße irgendwo unterzubringen. Zwischen Brüssel und Lille kann ich ein wenig lesen, döse dann an Lille vorbei und werde wach: wo sind wir? Ist das schon England? Flache Landschaft, Felder, sogar Wäldchen und welliges Land…. die Häuser? Grob klotzig. Nein, das muss noch Frankreich sein. Ist es auch, irgendwann kommt die Bahnhofs- und Autoverladeanlage von Calais und dann der Tunnel, ich mache die Augen wieder zu, gibt ja eh nix zu sehen draußen.
Als ich wieder wach werde, bin ich in England. Früher haben sie da immer Ansagen gemacht: Hallo, liebe Leute, jetzt kommt der Tunnel! Und dann: Hallo, liebe Leute, der Tunnel ist vorbei. Als ob man das nicht sehen könnte. Deshalb kommen jetzt auch keine Ansagen mehr, erst kurz vor Ankuft in St. Pancras wird viersprachig verkündet, dass wir jetzt gleich da sind. Leute stehen auf, als ob man so früher rauskäme, dabei steht man nachher vor den Rolltreppen eh in der Schlange

Café Gerbeaud, Budapest

Genau hier fängt die Geschichte von Ben Whitcombe an. Wie ist es, wenn man in die Rolle des Protagonisten seines eigenen Romans schlüpft?
Das Lokal ist noch weihnachtlich dekoriert: Weihnachtsbaum, Tannengrün und das Übliche.
Es ist etwas über sechs Jahre her, seitdem ich zuletzt hier war – weil die Geschichte einfach genau hier anfangen musste und ich zuvor noch nie in Budapest gewesen war. Ganz andächtig habe ich damals jede Einzelheit notiert.
Und jetzt? Vor ein paar Minuten noch war das Lokal fast leer, vermutlich hat es erst um zehn Uhr geöffnet. Jetzt füllt es sich. Mit jeder Minute. Rechts ist der Salon mit den roten Tapeten, ein roter Samtvorhang mit Glitzer-Lichterketten davor, dann zwischen den beiden Räumen der grüne Vorhang. Hier der mittlere Raum mit den grün gemusterten Tapeten, Kristalluster, Stuckdecken dunkle Holzvertäfelung… runde Marmortischchen mit goldenem Fuß, Stühle mit rotbezogener Sitzfläche und dem Logo des Cafes in die dunkle Holzlehne eingearbeit. Im Hintergrund schluchzende Balladen aus der Mitte des letzten Jahrhunderts.
Sonnenstrahlen von draußen, draußen auf dem Platz stehen Touristen mit Wollmützen.
Die Platanen an der kleinen Grünanlage um das Denkmal herum haben keine Blätter.
Aber der Himmel ist blau, das Sonnenlicht intensiv und strahlt durch das Fenster.
Ich sitze hinten, vor der Wand, Blick über das Cafe und über den Platz. Alle paar Minuten zittert der Boden leicht, wenn eine U-Bahn von der Endhaltestelle draußen vor dem Eingang losrumpelt.
Links von mir sitzt eine dreiköpfige Touristengruppe – sie reden wohl italienisch, sie haben einen großen Stadtplan auseinandergefaltet auf einem unbesetzten Stuhl liegen. Vor mir ein junges Paar, sie schreiben Postkarten. Weiter vorne links auf der Bank sitzt eine Vierergruppe. Zwei Pärchen haben es sich in den Nischen an den Fenster bequem gemacht. Mir gegenüber sitzt ein einzelner Japaner, dem Blick vom Fenster weg gerichtet, er hat einen Ipad vor sich aufgebaut und liest.
Der junge Kellner trägt dunklen Anzug mit Weste, einer von den drei Italienern bittet ihn, ein Photo von der Gruppe zu machen, dann stehen sie auf und verabschieden sich.

Briefmarken und Bier in Gibraltar

In einer Seitenstraße kaufe ich ein paar Postkarten. Die Inhaberin des Ladens spricht ein richtig britisches Englisch mit dem Nordenglischen Akzent, den ich von Armeeangehörigen her kenne.
Ich frage, ob man mit „normalen“ englischen Pfund bezahlen kann. Sie schaut mich mit großen Augen an: Natürlich, wir nehmen alles, wo die Queen drauf ist, my dear!
Ich lasse mir das Wechselgeld absichtlich Gibraltar-Münzen rausgeben, nachdem sie mir zuvor absichtlich britische Münzen gegeben hat, „damit ich zu Hause keine Probleme bekomme‟. Das Portrait der Queen auf den Briefmarken wirkt altmodisch – es ist das Bild, welches in Großbritannien selbst in den Fünfzigern und Sechzigern des letzten Jahrhunderts verwendet wurde. In einem Pub an der Hauptstraße feiern sturzbesoffene Jungs in Frauenkleidern einen Junggesellenabschied. Ich trinke ein halbes Pint Langer-Shandy („Alsterwasser‟ bzw. „Radler‟) und dann – bei mediterraner Sommerhitze schon leicht angetüdelt – in einem anderen Pub um die Ecke noch ein zweites Glas. Die Kneipe riecht ur-englisch muffig nach abgestandenem Bier und im Radio läuft BFBS, britische Armee-Sender mit Wetterbericht von den Falklands bis Afghanistan.