„Die Jagd ist eröffnet…“: Mitarbeiter von Hilfsorganisationen in Ruanda leben gefährlich

Der Puls beschleunigt sich, der Telefonhörer fällt mir fast aus der Hand. Am anderen Ende der Leitung ist der deutsche Botschafter. Und der hat uns gerade mitgeteilt, dass in der letzten Nacht drei spanische Kollegen ermordet worden sind. Was sollen wir jetzt tun?
„Na ja… am besten ist wohl, Sie rühren sich nicht!“ sagt er, aber es klingt eher hilflos.
Ich schaue aus dem Fenster in die afrikanische Sommerlandschaft über grüne Bananenfelder, Papaya- und Eukalyptusbäume bis hin zur blauen Silhouette des viertausend Meter hohen Muhabura. Niemand von uns hätte gerechnet, dass der Bürgerkrieg uns so schnell wieder einholen würde.
Im Rahmen eines Einsatzes für das „Komitee Ärzte für die Dritte Welt“ habe ich gemeinsam mit mehreren Kollegen sechs Wochen lang in Ruanda gearbeitet. Seit 1995 betreibt das Komitee hier in Nyakinama im Nordosten des Landes ein kleines Gesundheitszentrum mit etwa vierzig Krankenbetten. Deutsche Ärztinnen und Ärzte arbeiten jeweils etwa 6 Wochen lang unentgeltlich mit, meist opfern sie für diesen Einsatz ihren Jahresurlaub.
Als wir Anfang Dezember hier ankamen, wirkte Ruanda fast wie ein tropisches Paradies. Es war der Beginn der kleinen Regenzeit und die Landschaft war überwältigend schön: Sanft-grüne Hügelrücken, die sich bis auf über 2000 Meter hoch hinziehen und selbst an den steilsten Stellen noch in Terrassen von Kartoffel- und Maisfeldern bebaut sind. Nach Norden hin bildet die Kette der Virunga-Vulkane das Dreiländereck mit Uganda und Zaire. Die wenigen verbliebenen Regenwaldreste an den Hängen jener Vulkane sind international bekannt als Reservat der letzten Berggorillas.
Gemeinsam mit einheimischen Mitarbeitern halten wir Sprechstunden ab, machen Visiten und führen einfache Eingriffe durch. Unsere Möglichkeiten sind recht begrenzt: Um die richtige Diagnose zu finden, müssen wir uns auf die Auskünfte der Patienten, unsere fünf Sinne und das Stethoskop verlassen.
Zur Therapie fehlen selbst die einfachsten Medikamente. Nachschub ist nur schwer zu beschaffen und Lieferungen aus Deutschland liegen oft lange beim Zoll in Kigali fest.
Viele unserer Patienten sind Flüchtlinge, die erst vor wenigen Wochen aus Zaire zurück gekommen sind. Einige sind zu Fuß über hundert Kilometer weit gelaufen.
Der jüngsten Geschichte begegnet man auf Schritt und Tritt: Mehrere hunderttausend Menschen sind im Frühjahr 1994 innerhalb weniger Wochen von den Mörderbanden der Interahamwe-Milizen ermordet worden. Manche Quellen sprechen sogar von mindestens einer Million Opfern. Die damalige Regierung schaute zu und unterstützte die Interahamwe zumindest inoffiziell.
Am Rande der Hauptstadt Kigali gibt es eine kleine Kapelle. Etwa zwanzig Verfolgte hatten hier Zuflucht gesucht. Die Interahamwe-Leute aber warfen Handgranaten und Benzin hinein, so dass alle Opfer qualvoll verbrannten. Das rußgeschwärzte Gemäuer wurde als Mahnmal belassen und Mahnmale dieser Art gibt es viele im Land.
Gegen Mitte 1994 drangen die Rebellen der Patriotischen Front (FPR) von Nordwesten her immer weiter auf die Hauptstadt vor. Die Regierung reagierte mit aggressiver Hasspropaganda und forderte die Bevölkerung zur Flucht auf. Millionen flohen nach Zaire und Tansania. Dort entstanden bald riesige Lager, in welchen auch die Mitglieder der Interahamwe-Milizen vor Verfolgern sicher waren.
Wenig später übernahm die FPR die Macht und stellt seitdem bis heute die Regierung. Zwar kann man noch lange nicht von rechtsstaatlichen Verhältnissen im europäischen Sinne reden, aber die Lage in Ruanda ist in den letzten zwei Jahren doch erheblich stabiler geworden.
Ausgelöst durch die Unruhen in Zaire kehrten Anfang Dezember 1996 die meisten dort lebenden Flüchtlinge wieder zurück und vor Weihnachten wurden auch die Lager in Tansania aufgelöst.
Mit den Flüchtlingen kehrten aber auch die Interahamwe-Milizen wieder nach Ruanda zurück. Vorerst verlief dennoch alles erstaunlich friedlich. Erst später spitzte sich die Lage zu.
Anfang Januar gab es wenige Kilometer östlich von unserem Aufenthaltsort regelrechte Gefechte zwischen der regulären Armee und den Milizen. Ein paar Tage später wurde ein Krankenhaus von Uniformierten angegriffen, dabei wurden auch europäische Helfer bedroht und belästigt.
Am Abend des 18. Januar sind dann in Ruhengeri, in unserer unmittelbaren Nähe jene drei Spanier erschossen worden: ein Arzt, eine Krankenschwester und ein Organisator.
Das Brisante daran: Bislang waren Europäer eigentlich nur dann gefährdet, wenn sie irgendwie zufällig zwischen die Fronten gerieten. Dies hier aber war zum ersten Mal ein gezielter Überfall, der sich direkt gegen humanitäre Hilfsorganisationen richtete. Unsere drei Kollegen mussten sterben, weil irgendwer aus politischen Kalkül heraus die internationalen Helfer aus der Region vertreiben wollte.
Ob die Mörder aus den Reihen der Interahamwe-Milizen kamen oder aber Provokateure der Gegenseite waren, ist zweitrangig.
Auch wir brachen nach einer schlaflosen Nacht unsere Arbeit in Nyakinama ab und brachten uns am nächsten Morgen nach Kigali in Sicherheit. Ein polnischer Ordensmann, mit dem wir dort ins Gespräch kamen, nahm die ganze Geschichte mit Galgenhumor:
„Bisher hatten wir Weißen Schonzeit,“ sagte er, „Aber jetzt ist die Jagdsaison eröffnet!“
(Burkhard Sonntag, 3.2.1997)