Ben Whitcombe und seine Reise (4)

Sie standen jetzt vor einer Ampel, ordneten sich hinter der alten Synagoge links ein und überquerten die Straßenbahnschienen.
„Früher galt so eine Sonnenfinsternis als Unglückszeichen!““, sagte Zoltan, „Wussten Sie das?“

Am 1. August 2008 fand tatsächlich eine totale Sonnenfinsternis statt. In entlegenen Teilen Kanadas und Sibiriens wurde es ein bis zwei Minuten lang dunkel. In Mitteleuropa war sie weit weniger spektakulär.
Wer dieses Jahr eine Totale Sonnenfinsternis erleben will, sollte übrigens am 21. August in die USA reisen.

Ben Whitcombe und seine Reise (3)

Ben kniff die Augen zusammen und schaute sich vorsichtig blinzelnd um.
Es war zehn Uhr vormittags. Über die weiße Fassade des Café Gerbeaud wölbte sich ein wolkenlos blauer Sommerhimmel.

Das Gerbeaud ist eines der ältesten und traditionsreichsten Kaffeehäuser der ungarischen Hauptstadt. Es besteht seit 1870 und versprüht auch heute noch den Charme der Gründerzeit – mit Kronleuchtern, Stuck, viel Plüsch, Samt und dunklem Holz.

Ben Whitcombe und seine Reise (2)

Ben Whitcombe interessierte sich nicht für Astronomie.
Am Vörösmarty-Platz stieg er aus der U-Bahn, ging den Bahnsteig entlang und die Treppe hinauf.

Die Linie 1 der Budapester U-Bahn steht unter Denkmalschutz: immerhin ist es die Erste ihrer Art auf dem europäischen Festland und die zweitälteste U-Bahn weltweit. Die gelben Wagons der „Földalatti“ rattern vom Vörösmarty-Platz in der Innenstadt knapp unterhalb der Oberfläche des eleganten Andrássy út bis zum „Stadtwäldchen“, dem Budapester Gegenstück zum Wiener Prater.

Ben Whitcombe und seine Reise

Am Freitag, dem ersten August 2008 verfinsterte sich die Sonne. Der Kernschatten des Mondes raste von Kanada aus über das Polarmeer, an Grönland und Spitzbergen vorbei auf Europa zu und wo er hinfiel, dort wurde es zwei Minuten lang Nacht.
In Budapest hingegen nahmen nur wenige Sternkundige von dem Ereignis Notiz.

Mit diesen Worten beginnt mein Roman „Wege nach Lyonesse“.
Der Investmentbanker Ben Whitcombe weiß noch nicht, dass er wenige Stunden später zu einer Reise aufbrechen wird, die ihn bis ans andere Ende des Kontinents führen wird…
Das Abenteuer beginnt in Budapest, einer Stadt, die ich noch nicht kannte, als ich diese Zeilen geschrieben habe. Seither war ich mehrmals dort und beneide meinen Protagonisten ein wenig dafür, dass er drei Jahre lang dort leben durfte.

Szimpla Kert, Budapest

Das Szimpla Kert ist die vielleicht Bekannteste, älteste und etablierteste der sogenannten Abbruchkneipen mitten in Budapest.
Also: ein großes Wohnhaus aus dem 19. Jahrhundert, mit mehreren Innenhöfen, die überdacht sind. Der Eingang zu diesem Laden ist betont uneinladend ein richtig fieser Durchgang zum Hinterhof.Das Ding erstreckt sich über zwei Etagen und besteht aus zahlreichen Räumen, von denen jeder anders eingerichtet ist. Die Wände voller Graffiti. Barhocker, Sperrmüll-Mobiliar, Schrott kreativ zusammengeschraubt, Pflanzen, schummeriges Licht.
Ich setzt mich auf das, was früher mal eine Fensterbank war. Rechts von mir ist ein ehemaliges Zimmer einer ehemaligen Wohnung, links eine Art umlaufender Balkon um den ehemaligen Innenhof. Ich befinde mich im ersten Stock. Darüber ist der Innenhof provisorisch überdacht.
Im Innenhof schwebt eine aus Schrott zusammengeschweißte Figur und bunte Glühbirnen.
Leute gehen mit Drinks in der Hand durch die Räume und bestaunen die Einrichtung.
Zwei Pärchen verewigen sich mit Graffiti an der Wand. Eine junge Frau tippt auf ihrem Handy.
Der Laden ist spannend. Wahnsinnig spannend.