Holzklasse im Eurostar

Draußen ist noch Landschaft. Braune, manchmal grüne Wiesen, kahle Bäume, eintönig-weiss-langweiliger Himmel. Auf den Sitzen vor mir eine Vierergruppe von jungen männlichen flämischen Belgiern, die pausenlos auf flämisch reden und lachen, neben mir ein misantropischer älterer männlicher flämischer Belgier, der in einem flämischen Buch liest und mit mir um die Armlehne kämpft. Irgendwo ist ein Zweiersitz frei, aber man traut sich nicht, dort zu sitzen. Könnte ja belegt sein. Stattdessen also eingezwängt zwischen Rucksack und Ellbogen des Nachbarn. Ich versuche, die Füße irgendwo unterzubringen. Zwischen Brüssel und Lille kann ich ein wenig lesen, döse dann an Lille vorbei und werde wach: wo sind wir? Ist das schon England? Flache Landschaft, Felder, sogar Wäldchen und welliges Land…. die Häuser? Grob klotzig. Nein, das muss noch Frankreich sein. Ist es auch, irgendwann kommt die Bahnhofs- und Autoverladeanlage von Calais und dann der Tunnel, ich mache die Augen wieder zu, gibt ja eh nix zu sehen draußen.
Als ich wieder wach werde, bin ich in England. Früher haben sie da immer Ansagen gemacht: Hallo, liebe Leute, jetzt kommt der Tunnel! Und dann: Hallo, liebe Leute, der Tunnel ist vorbei. Als ob man das nicht sehen könnte. Deshalb kommen jetzt auch keine Ansagen mehr, erst kurz vor Ankuft in St. Pancras wird viersprachig verkündet, dass wir jetzt gleich da sind. Leute stehen auf, als ob man so früher rauskäme, dabei steht man nachher vor den Rolltreppen eh in der Schlange

Brüssel Gare Midi, Dezember 2001: Eine Tüte Euro bitte! – oder: Von der wahrscheinlich vorläufig letzten Gelegenheit, italienische Lire gegen belgische Franc umzutauschen

Der Eurostar war pünktlich und jetzt habe ich in Brüssel über eine Stunde Zeit, drei dreihundert belgische Franc und eine Idee.
Sind nicht diese Woche zum unter großem Medienrummel die ersten Euro-Münzen unters Volk gebracht worden? Als sogenannte „Starter-Kits“ in sorgfältig abgezählten Plastiktütchen?
Also gut, dann mache ich mich mal auf die Suche.
In der unterirdischen Ladenpassage gibt es so ziemlich alles, vom Friseur bis zum Internetcafe und natürlich auch eine Wechselstube.
Nein, der Euro kommt doch erst nächstes Jahr, erklärt man mir geduldig, so wie man es halt einem ignoranten Ausländer erzählt, und es ist deutlich zu merken, der gute Mann erzählt das heute nicht zum ersten Mal.
Münzen? In Plastiktütchen?
Er beratschlagt mit einem Kollegen. Ich soll’s doch mal an der Post versuchen.
Die Post ist am anderen Ende des Bahnhofs und die lange Schlange vor den Schaltern sieht ziemlich entmutigend aus.
Gleich um die Ecke finde ich eine kleine Bankfiliale. Drei Schalter, davon zwei geschlossen. Vor dem Dritten ein Schild „nur für schnelle Transaktionen“.
Zwei Leute warten geduldig vor mir. Ihre schnellen Transaktionen dauern Ewigkeiten. Endlich.
Ja, hier gibts Euros. In abgepackten Tütchen zu fünfhundert Franc, und nur ein Tütchen pro Person.
Ob ich für meine dreihundert Franc nicht vielleicht ein halbes Tütchen….?
Nein, das geht nicht.
Ob sie mir nicht ein paar D-Mark, Pfund oder Schillinge umtauschen…?
Nein, Umtausch gibts nur für Kontoinhaber.
Das war’s denn wohl. Zurück zum Bahnhof, ins nächste Cafe, erstmal nen Kaffee trinken.
In fünfundvierzig Minuten geht mein Zug. Meine Barschaft ist auf zweihundertvierzig Franc geschrumpft. Ob ich die dann wohl doch lieber in belgische Schokolade investieren soll? Oder noch einen Versuch wagen?
Eine Minute später finde ich mich in der Wechselstube wieder und zücke einen dicken Briefumschlag voller Lire, Escudos, Drachmen, Punt, Schillingen und ähnlichem Gemüse.
„No Commission für Nicht-Euro-Währungen“ steht auf dem Werbeplakat. Meine Lire aber werde ich nur gegen fünfzig Franc Provision los.
Wieder in die Stadt. Hundert Meter weiter die nächste Bank. Keine Schlange vor den Schaltern.
Euros? Die gibts doch erst nächstes Jahr. Ob ich nicht lieber britische Pfund möchte?
Probepackungs-Tütchen mit Euro-Münzen?
Er wird rot.
Nein, gibts nicht, sagt er schnell.
Vielleicht doch?
Immerhin liegt ein ganzer Stapel davon direkt hinter der Glasscheibe, quasi zum Greifen nah.
Nur für Kontoinhaber.
Ob man nicht vielleicht, freundlicherweise, einmal eine Ausnahme machen könnte?
Er schüttelt den Kopf.
Diese Eurotütchen sind anscheinend so rar wie Goldstaub.
Wo gibts die Dinger denn?
Schulterzucken. Für so miese Ausländer wie Dich gar nicht, würde er wohl gerne sagen.
Arschloch, will ich sagen. Stattdessen bemühe ich mich um ein Lächeln.
Na, dann mache ich halt ein Konto auf.
Geht nicht. Ich versuche es mit sanftem Druck
Könnte ich vielleicht mit Ihrem Vorgesetzten sprechen?
Der hat keine Zeit.
Ich würde ja gerne noch weiter insistieren, aber in einer halben Stunde geht mein Zug.
Also doch wieder zu der kleinen Bank von vorhin. Inzwischen sind sogar alle drei Schalter offen. Leider auch eine beachtliche Schlange.
Zehn Minuten später sind es noch genauso viele.
Ich weiss nicht, wieviele Stempel und Unterschriften man in Belgien braucht, um an einem Schalter, „nur für schnelle Transaktionen“, sein Geld abzuheben.
Endlich wird ein Schalter frei.
Ob man vielleicht, bittebitte, so nett wäre, mich vielleicht vor zu lassen, weil in zehn Minuten…
Ich stehe vor dem Schalter… und der Banker ist plötzlich weg. Wo steckt er?
Ich werde nervös… der Zug…
Der Banker kommt wieder, erkennt mich, lächelt.
„Eine Tüte Euro bitte!“
Ich schiebe meine fünf Hundertfranc-Scheine unter der Glasscheibe durch. Er nimmt sie einzeln, einen nach dem anderen auf, zählt sie sorgfältig, zählt sie nochmal.
Lächelt. Tippt in Zeitlupe auf seinem Computer. Nimmt einen Schlüsselbund, schliesst einen Schrank auf, welchem er einen Schlüsselbund entnimmt. Öffnet einen weiteren Schrank und holt endlich ein Tütchen Euro-Münzen aus dem Versteck. Füllt eine Quittung aus.
Ich greife nach meinen Euros und renne zurück zum Bahnhof.
Der Zug hat Verspätung. Ich hole das Tütchen aus der Tasche und sehe mir die Münzen an.
Vierzehn komma acht eins belgische Euros. Brandneue, glänzende, prägefrische Münzen. Auf der Rückseite lächelt der König.
Was ist an diesen Dingern bloß so Besonderes?

Waterloo Station, London

Einmal nach Waterloo bitte, zurück morgen.
Waterloo. Mir klingt immer noch dieser uralte „Abba“-Song im Ohr, den sie gestern auf der Party immer wieder und wieder gespielt haben.
Waterloo ist ein anständiger Bahnhof. Bei der Einfahrt kann man linker Hand ab und zu zwischen den Hochhäusern den Fluß durchschimmern sehen, ab und zu auch das Parlament und Big Ben und natürlich die jüngste Attraktion dieser Stadt, das Riesenrad, das größte Europas und zweitgrößte der Welt. Mit den Rekorden ist das natürlich so eine Sache, es wird bestimmt nicht lange dauern, bis irgendein fernöstlicher oder amerikanischer Großmogul ein größeres baut.
Kurz bevor der Zug dann zum Stillstand kommt taucht linker Hand jene hypermoderne bläuliche Hallenkonstruktion auf, die dem Bahnhof das Attribut „International“ verleiht, worauf man hierzulande mächtig stolz ist.
Immerhin, die Gepäckwägelchen nehmen auch französische und belgische Münzen. Und rücken sie wie es sich gehört nach Gebrauch wieder raus, wir sind ja schließlich nicht in Deutschland.
Ich durchquere die Bahnhofshalle – großzügig, wie es sich gehört, mit den üblichen Cafés und Zeitungsläden, der Geruch der großen Weiten Welt, der solchen Orten immer innewohnt – und suche dann zielstrebig den Eingang in die Unterwelt.
Eine Besonderheit von Waterloo ist, daß es keinen nennenswerten Bahnhofsvorplatz gibt. Dort, wo man einen solchen erwarten würde, schrammt in luftiger Höhe auf ihrem Viadukt eine weitere Bahnlinie gerade knapp an der Außenfassade des Hauptgebäudes vorbei, zu ihren Füßen ein unübersichtliches Gewirr aus mehrspurigen Schnellstraßen, die sich hier auf unnachahmliche Weise verknoten. Fußgänger werden erstmal in die Katakomben geschickt.
Immerhin sind diese Unterführungen inzwischen auf fast rührende Weise neu gestaltet worden. An den Wänden prangen jetzt Dichterzitate. Und auf der riesigen Verkehrsinsel in der Mitte des Kreisverkehres prangt ein kreisrundes Imax-Kino.
Von hier aus fürht mein Lieblings-Fußgängertunnel – jener mit dem blauen Sternenhimmel – zu einer der Hauptattraktionen jener Stadt: Dieses wunderbare Café unter der Brücke.
Selbst jetzt im Dezember und selbst wenn es in Strömen regnet kann man dort noch auf den Bänken draußen sitzen, während zehn Meter weiter über einem der Verkehr donnert. Davon hört man aber nichts. Stattdessen gibts hier den Bücherflohmarkt und jede Menge Straßenmusiker – die Akustik ist einmalig.
Ich trete ein, hole mir einen Kaffee setze mich ans Fenster, versuche so intellektuell wie möglich auszusehen, aber die attraktive Frau neben mir liest trotzdem lieber weiter in ihrem Buch…