Die Brücke steht nicht mehr: Armenische Kultur im türkisch sowjetischen Grenzgebiet

„Nach Kars wollt Ihr?“ unser Gegenüber schüttelt verständnislos den Kopf.
Nein, da gibt es doch wirklich schönere Städte in der Türkei! Natürlich ist der Name ihm ein Begriff, aber noch einmal freiwillig dorthin zurück kehren, das würde ihm nicht im Traum einfallen.
Kars: laut Ortsschild 70000 Einwohner und 1700 Höhenmeter. Viele Türken kennen es am ehesten aus ihrer Militärdienstzeit. Wie oft in seiner Geschichte, so spielt das knapp 50 Kilometer vor der sowjetischen Grenze gelegene Kars wohl auch heute noch eine strategische Rolle.
Es ist die Zeit der Abenddämmerung, wenn wir nach dreistündiger Busfahrt die weite Hochebene erreichen. Die Straße führt durch kleine Dörfer mit Häusern aus rohen Natursteinen mit grasbewachsenen Dächern. Die Außenviertel der Stadt sind sehen noch genauso aus. Schafs- Kuh- und Gänseherden werden quer über die Straße heimgetrieben. Es wimmelt von Soldaten.
Erster christlicher Staat der Welt
Am nächsten Morgen besuchen wir die armenischen Ruinen von Ani. Schon von weitem sieht man die mächtigen rotschwarzen Stadtmauern aus der kargen Ebene aufragen.
Wenn wir die Stadt durch das mit dem Relief eines Löwen geschmückte Tor betreten, fällt es uns schwer, zu glauben, daß hier einmal mehr als 100000 Menschen gelebt haben.
Die Armenier, ein indogermanisches Volk, wurden schon im 3. Jahrhundert christianisiert und waren damit noch vor Rom der erste christliche Staat der Welt. Im 9. Jahrhundert wurde Armenien unter König Aschod Bagratuni zu einem echten Großreich. Damals war Ani wohl eine der bedeutendsten Städte der ganzen Christenheit.
Heute nisten in dem Gemäuer der Kathedrale die Schwalben. Die zentrale Kuppel, erbaut von demselben Architekten, der auch die berühmte Hagia Sofia in Istanbul schuf, ist eingestürzt. Dennoch ist das Gebäude mit seinen Gewölbebögen aus rotschwarzen Stein, ohne überflüssigen Zierrat, irgendwie eindrucksvoll.
Noch schöner ist die kleine Gregorkirche mit ihren gut erhaltenen Fresken im Innenraum und den Reliefs an den Außenwänden.
Direkt dahinter geht es steil bergab und unten in der Tiefe der engen Schlucht fließt ein wilder Gebirgsbach. Der Arpa Çayi markiert die Grenze zur unruhegeplagten Sovietrepublik Armenien.
Noch gegen Ende des 19. Jahrhunderts lebten rund 1,5 Millionen Armenier in der östlichen Türkei. Aber sie waren längst zur Minderheit geworden und der Sultan Abdul Hamid hetzte ganz bewußt die islamischen Bewohner des Gebietes gegen die Armenier auf. Hunderttausende wurden bei blutigen Unruhen ermordet.
Der erste Weltkrieg verschärfte die Situation noch mehr: Im Jahr 1915 wurden unter dem Vorwand einer Umsiedlungsaktion Millionen Armenier in die syrische Wüste gebracht, wo die meisten elend verhungern. Zuvor waren die armenischen Intellektuellen in einer Nacht- und Nebelaktion verhaftet und umgebracht worden.
Unten am Fluß sieht man die Überreste einer Brücke. Die Pfeiler stehen noch: einer in der Türkei und einer in der Sowjetunion. Die Straße aber, die hier einmal den Arpa Çayi überquert hat, gibt es schon seit Jahrhunderten nicht mehr. Die lange gemeinsame Geschichte ist endgültig vorbei. Von armenischer Kultur sind in der Türkei nur noch Ruinen übriggeblieben. Wir verlassen Ani mit gemischten Gefühlen.
Am Nachmittag sind wir wieder in Kars. Von der auf einem Hügel thronenden Burg aus haben wir einen weiten Blick über die Stadt mit ihren schachbrettartig angelegten Straßen. Die Verwaltungsgebäude im klassizistischen Stil der Jahrhundertwende, die baumgesäumten Alleen und die nostalgisch wirkenden Gaslaternen lassen die Stadt europäisch wirken. Zwei kaum zwanzig Jahre alte Soldaten patrouillieren gelangweilt mit Maschinengewehren.
Am Fuße der Burg liegt die Apostelkirche: Erbaut im christlichen Mittelalter, wurde sie ein Jahrhundert später in eine Moschee umgewandelt. Dennoch steht in ihrem Inneren ein Altar und in der Kuppel sieht man eine kyrillische Inschrift.
Russische Besetzung
Im Laufe seiner Geschichte war Kars mehrmals russisch gewesen. Ab 1877 konnten sich die Truppen des Zaren sogar vier Jahrzehnte lang hier halten.
Seitdem Kars 1921 endgültig an die Türkei abgetreten wurde, steht die Kirche wieder leer. Auf dem Altar sitzen Jugendliche und rauchen. Es stinkt penetrant nach Urin. Wir gehen hinaus.
Auf der von kleinen Hotels und Läden gesäumten Hauptverkehrsstraße ist auch am Abend noch ziemlich viel Betrieb. Die Auslagen in den Gemüseläden sind so bunt wie überall in der Türkei und in dunklen und verrauchten Teehäusern spielen Männer mit bewundernswerter Ausdauer Backgammon.
Wir sitzen einem Teegarten direkt am Fluß unterhalb der Burg. Es ist angenehm kühl.
Aus dem Radio ertönt Discomusik, dazwischen von irgendwo her türkische Klänge. Plötzlich stoppt die Musik und von allen Moscheen der Stadt rufen die Muezzins zum Gebet. Nach und nach stimmt einer nach dem Anderen ein, bis sie sich zu einem vielstimmigen Chor vereinen, wie in einem Märchen aus tausendundeiner Nacht. Fast könnte einem die Stadt gefallen.
(Burkhard Sonntag, 7. 12.1990)