Charles Dickens, Ebenezer Scrooge und die größte Weihnachtsfeier von London

Ebenezer Scrooge war ein unangenehmer Geizkragen, der auch am Heiligabend keinerlei Mitgefühl zeigte – bis ihm dann in der Nacht einige Geister erschienen. Als Charles Dickens 1843 seine Weihnachtsgeschichte schrieb, war London ein nebelverhangener Moloch mit riesengroßen Elendsquartieren, deren Bewohner unter unvorstellbaren Bedingungen hausten. Wer noch unglücklicher dran war, landete im Arbeitshaus oder gleich im Gefängnis…
Vor ein paar Jahren lebte ich in England, Weihnachten nahte und ich hatte weder Lust noch Veranlassung, über die Feiertage nach Deutschland zu fahren. Aber allein in meiner zugigen Wohnung die Wände anzustarren, war auch keine Alternative…. so landete ich schließlich bei der größten Weihnachtsfeier von London.
Über viertausend Gäste waren gekommen. Aber ich war gar kein Gast, ich gehörte zu den Gastgebern: als einer von etwa zehntausend freiwilligen Helfern trug ich einen winzigkleinen Teil zum Gelingen des Events bei.
Seit über vierzig Jahren organisiert die Wohltätigkeitsorganisation „Crisis“ ein „offenes Weihnachtsfest“ für Obdachlose. Anfangs nur in London, später auch in anderen britischen Städten wie Newcastle, Edinburgh, Birmingham oder Newcastle.
Außerhalb von Großbritannien ist die Sache allerdings so gut wie unbekannt.
Die Sache beginnt alljährlich am 23. und dauert bis zum 30. Dezember. Es gibt mehrere Übernachtungsstätten und zusätzlich weitere Zentren, die nur tagsüber geöffnet sind. Man bietet aber viel mehr als bloß ein Dach über dem Kopf und warme Mahlzeiten…

Das Christkind aus dem Schnapsladen – eine Art Weihnachtsgeschichte

Heiligabend habe ich Jesus kennen gelernt.
Er kam direkt aus dem Schnapsladen und war, wie eigentlich fast immer, sturzbesoffen.
Jedenfalls war er gut drauf. War ja schließlich sein Geburtstag heute. Und wenn er gut drauf ist, erzählt er Geschichten von damals. Damals, in Südafrika.
„Damals, da hatte ich alles. Ein Haus, ein Mädel und nen Job.“
Jetzt hat er nur noch Fido. Fido Fleataxi, seinen Schäferhundmischling. Mit dem zusammen tingelt er durch London, schläft unter Brücken und in Einkaufspassagen, schnorrt sich ein wenig Geld zusammen und wenn er genug zusammen hat, dann investiert er es in Cider und billigen Fusel.
„…damals, da hab ich auf ner Farm gearbeitet und 50 Schwarze kommandiert. Und hatte ein Mädel, deren Vater war Oberst in der Armee. Einmal hab ich mit dem ne ganze Nacht lang durchgesoffen, und irgendwann, so gegen 4 Uhr früh fragt der mich dann: Warum kommst Du nicht zu uns? Na ja…. ich brauchte dringend Geld, also hab ich halt zugesagt.“
Jesus streichelt den Hund und starrt ins Kaminfeuer.
„Wir hatten beide schon eine Menge Bier und Whiskey getrunken. Irgendwie hab ich das alles nicht so richtig ernst genommen. Aber…. wie gesagt, ich brauchte ziemlich dringend Geld.
Also am Morgen weckt der Oberst mich in aller Frühe auf, und pünktlich um neun standen wir dann im Anwerbebüro. Eine Unterschrift, ein paar Formalien und wenige Tage drauf ging’s auch schon los. 3 Monate Ausbildung als Fallschirmspringer und dann gleich der erste Einsatz. Nach Namibia. Ich war Aufklärer. Wurde über die Grenze nach Angola geflogen und musste dort Swapo-Stellungen auskundschaften. Da haben wir kleine schwarze Kreuze auf der Landkarte gemacht!“
Er schaut auf.
„Wirklich, nur kleine schwarze Kreuze auf der Landkarte. Sonst nichts. Bomben und Raketen, das war nicht mein Job. Hatte ich nix mit zu tun. Haben andere besorgt. Aber ein paar Tage später kamen die Flüchtlinge. Einmal, da war eine Frau dabei, die trug ein verdrecktes schwarzes Bündel.“
Seine Augen sind ein wenig wässerig. Wahrscheinlich liegts am Alkohol.
„Ich schau noch mal hin und seh, es ist ein Kind, das hatte ganz hässliche Brandnarben überall, so was hab ich noch nie gesehen. Ich hoffe bloß, es ist krepiert.“
3 Wochen lang hat er das mitgemacht, länger nicht. Dann hat er sich mit einem Vorgesetzten angelegt.
„Erst haben sie mich halbtot geprügelt. Und dann, dann haben sie mir ganz leise gesagt: Wir machen Dich alle.“
Also ist er untergetaucht. Gesoffen hat er immer schon, aber jetzt hat er angefangen, alles mögliche zu nehmen. Canabis, Koks, Mandrax und Amphetamine, was immer er sich leisten konnte. Ein paar Mal auch Heroin, aber gedrückt hat er nie. Irgendwie ist er dann nach Europa gekommen, zunächst nach Amsterdam, dann England. Auch hier hat er schon Scherereien mit der Polizei gehabt.
Er erzählt viel und widerspricht sich oft. Mal Gefängnis, mal Entzug, mal Psychiatrie. Die Variationen seiner Geschichte ändern sich.
Irgendwann hat er nämlich angefangen, Stimmen zu hören. Zum Beispiel die von dem kleinen Kind in Namibia.
Und jetzt braucht er unbedingt eine Dosis Schnaps. Ohne die kann er nämlich nicht schlafen. Schlafen, ohne zu träumen, denn Träume sind die Hölle.
„Haste n bisschen Kleingeld übrig?“ fragt er.
Ich krame in meiner Hosentasche und finde einen zerknitterten Fünfpfundschein.
Frohe Weihnachten, Jesus. Ist ja schließlich Dein Geburtstag.

  • Diese Geschichte aus dem Jahr 2001 ist fiktiv. Mehr zu den Hintergründen morgen!

Septemberreise Tag 15: heimwärts

Morgens blauer Himmel und südländisch-sommerlich warm. Am Bahnhof ein Espresso im Stehen mit gepacktem Koffer. Der Zug ist pünktlich.
In den Bergen ist es immer noch sonnig-heiter. An der Grenze ist Zeit für einen Espresso. Auf der anderen Seite der Berge regnet es… kurz, dann ein Regenbogen in der Abenddämmerung.
Umsteigen. Nochmal Umsteigen. Ankommen.
Wieder zu Hause.

Septemberreise Tag 14: noch ein bisschen Sommer

Eine lange, lange Eisenbahnfahrt. Immer wieder am Meer entlang, blauer Himmel, blaues Meer.
Später Wolken, und dann ist das Meer weg. Ankommen im Dunkel.
Heute früh ein bisschen Nebel und wuseliger Einkaufstrubel in der großen Stadt. Es gibt noble Geschäfte, Kirchen, Türme und Arkadengänge. Und nachmittags dann doch noch ein bisschen Sonne und quirliges Studentenleben.