Glitazone, das BMG und der G-BA

Ein Herr Orlowski aus dem BMG reglementiert in unangemessen arroganter Weise den G-BA und stoppte so den Verordnungsauschluss der Glitazone (jetzt ist ihm allerdings die EMA in die Quere gekommen). Wenn man dieses Schreiben liest, fehlen einem die Worte mit welcher Dreistigkeit das Bemühen um gute Medizin und Qualität für die Patientenversorgung vom Tisch gewischt wird. Das Ganze hat System, auch jetzt das Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz. Es wird mit einer unglaublichen Unverfrorenheit der Pharmabranche der Zugriff auf die Versichertengelder ermöglicht. Wir Ärzte sollen dumm gehalten werden (Schwächung von G-BA und IQWIG und Abschaffung der EBM-orientierten Arzneimittelbewertung), damit wir fleißig verschreiben, ohne Rücksicht auf Qualität und Patientensicherheit. Wir dürfen uns das nicht gefallen lassen! Wir machen uns international lächerlich.

Glitazone: Gesundheitsministerium betreibt Klientelpolitik

Eine zeitlang waren die Antidiabetika aus der Gruppe der Glitazone so etwas wie Bestesller, dann aber wurden Bedenken laut:
Die Mittel sind zwar wirksam, bieten aber bei höheren Kosten und deutlich höherem Risiko keinen zusätzlichen Nutzen gebenüber langjährig bekannten und etablierten Medikamenten.
Insbesondere unter Rosiglitazon (Handelsname: u.a. Avandia) war ein deutlich erhöhtes Herzinfarktrisiko beobachtet worden. Pikanterweise waren entspechende Daten von der Herstellerfirma zunächst unter Verschluss gehalten worden.
Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA hat daher am 24.9. empfohlen die Zulassung von Rosiglitazon europaweit auszusetzen. In Deutschland wird das Medikament zum 31.10. vom Markt verschwinden.
Das Mittel Pioglitazon (Handelsname: u.a. Actos) ist zwar in Deutschland weiterhin zugelassen, darf aber von strengen Ausnahmen abgesehen nicht mehr zu Lasten der gesetzlichen Krankenkassen verordnet werden.
Einen entsprechenden Beschluss hatte der Gemeinsame Bundesausschuss bereits am 17. Juni dieses Jahres aufgrund der eindeutigen wissenschaftlichen Datenlage getroffen. Der Gemeinsame Bundesausschusss (G-BA) ist das oberste Beschlussgremium der gemeinsamen Selbstverwaltung im Gesundheitswesen.
Im Gesundheitsministerium war man offenbar anderer Meinung. Im Internet kursiert jetzt ein Brief mit Datum vom 4. August, in welchem ein Ministerialdirektor den G-BA sinngemäß auffordert, die Einschränkung der Verordnungsfähigkeit zu überdenken.
Man kann es auch anders ausdrücken: Das Ministerium macht seinen Einfluss geltend um ein teures und wahrscheinlich gefährliches Medikament allen rationalen Argumenten zum Trotz auf dem Markt zu halten. Über die Gründe läßt sich nur mutmaßen – aber es drängt sich die Vermutung auf, dass hier die Lobby der Pharmaindustrie im Spiel war.
Weitere Informationen:

Degam-Kongress Dresden: eine Nachlese

Jetzt ist es schon eine Woche her, seitdem der 44. Degam-Kongress in Dresden zu Ende gegangen ist und längst dürfte bei den meisten Teilnehmern der Alltag wieder Einzug gehalten haben. Trotzdem möchte ich es nicht versäumen, noch einmal den Referenten und allen Anderen, Gelingen dieser Tagung beteiligt waren meinen ganz herzlichen Dank und ein großes Lob auszusprechen: Es hat Spaß gemacht. Und das lag nicht nur an dem herrlich-goldenen Spätsommerwetter.
Was waren die Highlights?

  • Prof. Michael Kochen aus Göttingen sprach in einer ergreifenden Key-Note am Donnerstag über das Un-Heil in Gestalt von Korruption und den korrumpierenden Einfluss der Pharma-Industrie auf den hausärztlichen Alltag
  • Jouke van den Zee vom niederländischen NIVEL-Institut verglich die hausärtzlichen Versorgungssysteme mehrerer europäischer Länder und räumte mit dem Mythos auf, dass deutsche Hausärzte kurz vor dem Verhungern stünden (gleichwohl räumte er ein, dass es ihm extrem schwer gefallen war, Details über die tatsächliche Vergütung der deutschen Ärzte herauszufinden).
  • Jürgen Windeler gab auf der Podiumsdiskussion am Donnerstag Anlass zur Hoffnung, dass das IQWiG auch unter der neuen Leitung weiterhin für kritische evidenzbasierte Arzneimittelprüfungen steht, auch wenn bei Hausärzten noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten ist
  • Gesellschaftlicher Höhepunkt war der gelungene Festabend im Hygienemuseum mit vielfältig- abwechslungsreichem Programm (einziger Kritikpunkt: viel zu wenig vegetarische Speisen am Buffet)

….in diesem Sinne freue ich mich auf ein Wiedersehen in Salzburg im nächsten Jahr!

IQWiG? Nie gehört!

Seit 2004 bewertet das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) die in Deutschland angewandten diagnostischen und therapeutischen Verfahren auf der Basis der Prinzipien der Evidenzbasierten Medizin. Grundprinzip ist dabei die Unabhängigkeit von Politik, Pharmaindustrie und anderen Interessenverbänden.
Doch viele Hausärzte trauen dem Institut anscheinend nicht so recht über den Weg. Sie beklagen sich über mangelnde mangelnde Transparenz, fehlende Kompetenz im Bereich der hausärztlichen Versorgung und vermuten politische Abhängigkeit. Zudem ist das IQWIG bei vielen Hausärzten weitgegehend unbekannt.
Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die das IQWIG beim Institut für Allgemeinmedizin der Universität Witten-Herdecke in Auftrag gegeben hatte. Die Studie war am 23.9. auf dem Degam-Kongress in Dresden im Rahmen einer Podiumsdiskussion vorgestellt worden.
Bei der Umfrage, die von 1038 Hausärzten beantwortet wurde zeigte sich aber auch, dass die überwiegende Mehrheit den Prinzipien der evidenzbasierten Medizin durchaus positiv und wohlwollend gegenübersteht.
„Das IQWiG muss besser darin werden, seine Arbeit in der Öffentlichkeit darzustellen“ sagte der neue Leiter des IQWiG Professor Jürgen Windeler gegenüber der „Ärzte Zeitung“.
Denkbar ist, dass kurze und gut verständliche Zusammenfassungen der Arbeitsergebnisse des Insituts in hausärztlichen Publikationen veröffentlicht werden, notwendig sei aber auch, dass dabei mehr auf die Situation der Hausärzte eingegangen werde.

Nein, Kollege, so nicht!

Kinderdoc freut sich darüber, dass unser Gesundheitsminister keine Hausärzte mag. Die klammheimliche Freude sei ihm gegönnt… aber sie ist dumm und kurzsichtig. Aber zunächstmal zum Thema:
In ländlichen Gegenden ist der nächste Kinderarzt oft weit entfernt – warum soll man den Eltern unnötigerweise weite Wege zumuten?
Nicht alle Kinderärzte machen Hausbesuche – dafür sind wir Hausärzte also gut genug? Und was ist mit der Betreueung nachts und an Wochenden?
Wenn wir also kompetent genug sind, um nachts und an Wochenenden kranke Kinder zu behandeln – warum sind wir dann nicht kompetent genug um uns tagsüber um gesunde Kinder zu kümmern?
Aber ich verstehe Kinderdoc: Hausärzte würden nicht verhungern, wenn sie keine Kinder mehr behandeln dürften. Bei Kinderärzten sieht es anders aus – glauben die Kinderärzte.
Aber das stimmt nicht: Kein Hausarzt will einem Kollegen „etwas wegnehmen“.
Als Primärärzte wollen wir – zum Beispiel – im Rahmen eines Vertrags zur hausarztzentrierten Versorgung – die ersten Ansprechpartner sein. Und dann, wenn wir glauben dass ein Kind wirklich krank ist und die Betreuung eines Spezialisten braucht, dann werden wir es überweisen und dem Kinderarzt damit den Rücken frei halten und ihm ermöglichen, sich um die Kinder zu kümmern, die es wirklich nötig haben.
Dass es in unserem Versorgungssystem nicht so läuft wie es laufen sollte, steht auf einem anderen Blatt. Dass Ärzte verschiedener Fachrichtungen gegeneinander konkurrieren als zusammen zu arbeiten ist traurig.