Schweigen ist Silber – ein Vortrag über die ärztliche Schweigepflicht

Kann ich meinem Arzt noch vertrauen?
Bleibt das, was ich in der Sprechstunde sage, wirklich vertraulich?
Oder ist die ärztliche Schweigepflicht vielleicht gar nicht mehr zeitgemäß?
…hierüber, und über noch Vieles mehr geht es in einem Vortrag, den ich heute Abend halten werde.
Anbei das Handout zum Download.
Viel Spaß beim Lesen!

Ärztlicher Bereitschaftsdienst: Freud und Leid

Für einen Hausarzt gehören die Notdienste – die Teilnahme am „Ärztlichen Bereitschaftsdienst“ abends, nachts, an Wochenenden und Feiertagen mit dazu. Beliebt sind sie – aus verständlichen Gründen – nicht gerade. Seit vielen Jahren mache ich schon keine KV-Dienste mehr und ich vermisse sie auch nicht.
Früher habe ich zeitweise sehr viele Dienste gemacht.

Ich habe diese Dienste geliebt:
Wenn ich ausgeschlafen um achtzehn Uhr zur Dienstzentrale kam, mit leichtem Gepäck (Stethoskop, Thermoskanne und Butterbrote, alles andere war in der Dienstzentrale vorhanden), dort meine Kollegen – Fahrer und Rezeptionistin – begrüßt habe und mich dann an die Arbeit machen konnte.
Mein netter Fahrer hat mich dann durch die wundervolle Südenglische Landschaft gefahren und mit Anekdoten aus seinem früheren Leben als Polizist oder Rettungssanitäter unterhalten. Zwischendurch habe ich die Telefonanrufe entgegengenommen (die Leitstelle hatte bereits Namen und Adresse notiert) und dann entschieden, ob der Patient in die Dienstzentrale kommen musste oder ob wir hinfahren würden. Wenn zwischendurch ein Patient in die Dienstzentrale kam, wurde er von der Rezeptionistin hereingelassen, musste also nicht vor der Tür stehen. Die Patienten bekamen nach Behandlung auch in der Regel kein Rezept, sondern gleich eine kleine Packung der notwendigen Medikamente (natürlich nur eine begrenzte Auswahl), brauchten also nicht erst irgendeine diensthabende Apotheke zu suchen.
Morgens um acht bin ich dann nach Hause gefahren und habe mich ins Bett gelegt und nach dem Aufstehen den Rest des Tages genossen.

Ich habe diese Dienste gehasst:
Wenn ich nach einem langen Praxis-Tag den Anrufbeantworter eingeschaltet habe und mit flauem Gefühl im Magen durch das Schneetreiben nach Hause gefahren bin. Irgendwann kam dann der Anruf: eine agitierte Stimme in starkem Dialekt, der mir kaum sagen konnte, wo er wohnte, geschweige denn, wie man dort hinkam. Dann habe ich mich wieder durch das Schneetreiben über ungeräumte Nebenstraßen (20 Zentimeter Neuschnee) auf den Weg gemacht und im Dunkeln nach Hausnummern gesucht (weil eigentlich ja jeder außer mir wusste, dass der Hof Nr. 5 nicht neben Haus Nr. 6 sondern am anderen Ende des Dorfes liegt). Dann gab es noch Diskussionen, weil ich die gewünschten Medikamente nicht mitgebracht hatte, sondern auf die 15 KM entfernte diensthabende Apotheke verweisen musste. Oder weil ich in meinem 15 KG schweren Rucksack keine Katheter dabei hatte, der Patient sich aber wegen des Harnverhaltes auch nicht einweisen lassen wollte. Oder weil die Krankenkassenkarte unauffindbar war. Oder gerade kein Kleingeld für die Praxisgebühr im Haus war (beliebt auch: „Haben wir doch schon bezahlt!“ – Quittung natürlich nicht vorhanden). Oder ein stadtbekannter Drogenabhängiger ruft an, der bekanntermaßen vor einem halben jJahr schon einen Kollegen zusammengschlagen hat (selbst schuld!). Oder… oder…. oder…. Ich habe es gehasst! (um fair zu sein: solche Dienste habe ich nicht nur in Deutschland, sondern auch in England erlebt).
Um sieben Uhr dann nach schlafloser Nacht dann natürlich wieder ein langer Praxistag.

Prinzipiell finde ich Notdienste spannend und würde sie auch jederzeit gerne wieder machen – allerdings denke ich, dass das eine ganz eigene Tätigkeit ist, die eigene Qualifikationen erfordert (z.B. Triage), für die man sich interessieren muss. Das können, müssen aber nicht notwendigerweise Allgemeinmediziner sein – auch wenn Allgemeinmediziner natürlich dafür prädestiniert sind.
Als Patient würde ich mir wünschen, wenn diese Dienste von qualifizierten Ärzten durchgeführt werden, die diese Dienste gerne machen, weil sie sich dafür interessieren und nicht von übermüdeten Kollegen, die diesen Dienst nach einem langen Praxistag noch „aufgedrückt“ bekommen.

Ich denke, dass es ein wunderbares Feld ist, wo Kliniken und ambulant tätige Kollegen herrlich zusammenarbeiten könnten, wenn sie wollen: Als einzige Anlaufstelle eine Triage-Station, die in der Notaufnahme einer Klinik angesiedelt ist, wo alle Patienten hindirigiert werden und dann von einem erfahrenen ärztlichen Kollegen entweder ambulant behandelt oder stationär eingewiesen werden, mit vorgeschalteter Telefontriage, wo entschieden wird, ob Hausbesuch oder Praxisbesuch, warum z.B. nicht auch ein Fahrdienst für Patienten (viele Hausbesuche wären nicht notwendig, wenn die Patienten eine Fahrmöglichkeit hätten – haben sie aber nicht. Taxi können sie sich nicht leisten. Ein vom Notdienst bezahlter Fahrdienst ist immer noch billiger als die ärztliche Arbeitszeit!)?

Okay. Träumen darf man. Muss man aber nicht. Man kann auch alles so lassen wie es ist. Bis jetzt ist es ja meistens gut gegangen. Und vielleicht finden sich ja auch in der Zukunft genügend Deppen…. oh, Verzeihung…. interessierte Kollegen, die alles so wie bisher weiterführen werden….

Deximed: evidenzbasierte medizinische Informationen Online

Seit heute habe ich Gelegenheit, das neue Angebot Deximed.de kostenlos zu testen.
Deximed ist eine medizinische Enzyklopädie, die unabhängig von Pharmafirmen und anderen Geldgebern ist und regelmäßig auf dem Laufenden gehalten wird. Das kostet Geld. Für ein jährliches Abo werden knapp 250 Euro verlangt. Das ist nicht wenig.
Mein Eindruck beim Ersten Durchschauen: Ja, ganz nett. Das Angebot ist eindeutig auf Hausärzte zugeschnitten. Die Informationen sind gut, gut aufbereitet und aktuell.
Vom Niveau her besser als www.gpnotebook.co.uk (englisch) oder das „Flexicon“ bei DocCheck, aber nicht unbedingt einen Quantensprung.
Kostenlos nutze ich es gerne. Aber 250 EUR pro Jahr?
Damti ist es immer noch billiger als das englischsprachige Uptodate … aber auch von dessen Qualität noch weit entfernt!

Selbständigkeit ist nicht Alles….

Ich war einmal Hausarzt. Jetzt bin ich es nicht mehr. Ich war gerne Hausarzt, aber ich bereue es nicht, wieder in einer Klinik zu arbeiten. Vielleicht verdiene ich jetzt weniger Geld als meine niedergelassenen Kollegen, aber ich weiß genau, wie viel Ende des Monats auf mein Konto kommt. Ich habe keine schlaflosen Nächte, weil ich bei keiner Bank mit mehreren hunderttausend Euro für einen Praxis-Kredit in der Kreide stehe.

Plädoyer für Primärarztsystem mit klaren Spielregeln und WENIGER Medizin

Über die Zukunft der hausärztlichen Versorgung wird viel diskutiert. Wie es nicht laufen soll, das wissen wir offenbar alle ziemlich genau, aber was wünschen wir uns stattdessen?
Ich wünsche mir ein Primärarztsystem mit klaren Spielregeln.
Im Gegensatz zu vielen Kollegen möchte ich das Dogma der Freiberuflichkeit in Frage stellen und denke, dass im Angestelltenverhältnis nicht nur angenehmere Arbeitsbedingungen sondern auch eine bessere Patientenversorgung möglich wäre (Voraussetzung: öffentlich-rechtlich-staatlich kontrollierter Träger, gute gewerkschaftliche Vertretung).
Das Problem an der Sache: Wenn man so ein System wirklich konsequent aufbauen würde, käme man mit wesentlich weniger Ärzten aus.
Wir hätten also in Deutschland in den meisten Regionen einen enormen Ärzteüberschuss, insbesondere im ambulant-gebietsärztlichen Bereich und bei der apparativen Diagnostik. Was machen wir also mit all den „überflüssigen“ Kollegen?

Das also wären meine Spielregeln:
1. Träger des Gesundheitswesens ist der Staat bzw. eine öffentlich-rechtliche Gesundheitsinstitution. Es gibt eine „Einheitskrankenkasse“, deren Leistungen jeder Einwohner kostenlos in Anspruch nehmen darf, sofern er sich dauerhaft legal im Land aufhält.
2. Der selbe Träger betreibt nicht nur medizinische Primärversorgungszentren sondern auch alle öffentlichen Krankenhäuser und den Rettungsdienst
3. Jeder Einwohner hat das Recht, sich in einem medizinischen Primärversorgunszentrum seiner Wahl einzuschreiben.
4. Das Primärversorgunszentrum ist für alle Einwohner immer erster Ansprechpartner in Gesundheitsfragen
5. Im Primärversorgungszentrum arbeiten in der Regel mehrere Hausärzte gemeinsam mit ambulantem Pflegepersonal, Physiotherapeuten, Psychotherapeuten, Psychologen, Ergotherapeuten, Hebammen und anderen Gesundheitsdienstleistern Hand in Hand
6. Das Einkommen des Arztes ist direkt proportional zur geleisteten Arbeitszeit. Konkret: es gibt einen festen Arbeitsvertrag mit einer festgelegten Zahl von Arbeitsstunden pro Woche bzw. Monat, Überstunden werden separat vergütet oder in Freizeit abgegolten. Eine starke gewerkschaftliche Vertretung sorgt dafür, dass diese Verträge auch eingehalten werden.
7. Das Primärversorgungszentrum bietet ein klar definiertes Leistungsspektrum an. Der „Katalog“ dieser Leistungen wird national einheitlich durch das Gesundheitsministerium bzw. den Träger der „Einheitskrankenkasse“ festgelegt. Hierbei handelt es sich um Leistungen der medizinischen Grundsicherung: Die Leistungen, die medizinisch Notwendig und sinnvoll sind, nicht unbedingt „alles was machbar ist“.
8. Es gibt einen nationalen Arzneimittelkatalog. Alle in diesem Katalog aufgeführten Substanzen dürfen verschrieben werden. Auf Rezepten werden ausschließlich Wirkstoffe verschrieben. Die Arzneimittelhersteller werden verpflichtet, ihre Medikamente ausschließlich unter dem Wirkstoffnamen zu vermarkten.
9. Das Primärversorgungszentrum ist Montags bis Freitags von 07 bis 19 Uhr (6 bis 20?) geöffnet. In dieser Zeit ist immer mindestens ein Arzt an Bord.
10. Außerhalb dieser Zeiten gibt es einen regional organisierten Notdienst in Zusammenarbeit mit regionalen Krankenhäusern und Rettungsdienst (i.e. eine einheitliche Rufnummer für alle medizinischen Notfälle, eine gemeinsame Telefontriage, ein ambulantes Notdienstzentrum räumlich direkt am Krankenhaus und einen regional organisierten Fahrdienst).
11. Hausärzte können Patienten an Spezialisten überweisen. Spezialisten können vom Patienten nur nach Überweisung aufgesucht werden.
12. Hausärzte haben die Möglichkeit, Patienten ins örtliche Krankenhaus einzuweisen und – sofern sie es wünschen – dort auch als „hausärztliche Belegpatienten“ stationär weiter zu betreuen (z.B. geriatrische Patienten bei denen es um eine vorübergehende AZ-Verschlechterung oder kurzfristige Versorgungsengpässe gibt).
13. Wer einen Hausarzt konsultieren möchte, sollte grundsätzlich einen Termin vereinbaren. Es wird zugesichert, dass ein Patient für Routineangelegenheiten spätestens innerhalb von 48 (24?) Stunden bzw. am (über-)nächsten Werktag einen Termin bei einem Hausarzt (nicht notwendigerweise dem Hausarzt seiner Wahl) bekommt. Für einen Standard-Termin stehen grundsätzlich 10 Minuten zur Verfügung.
14. Echte Notfälle werden am selben Tag oder falls notwendig auch sofort gesehen. Allerdings werden Notfälle „triagiert“. Falls es sich dabei herausstellt, dass es doch nicht so dringend ist, wird die Behandlung ggf. auf einen geplanten Termin innerhalb von 48 Stunden verschoben.
15. Hausbesuche werden aufgrund von medizinischer Notwendigkeit durchgeführt und ebenfalls grundsätzlich triagiert.
16. Grundsätzlich gilt: Der Arzt stellt die Indikation für eine Leistung, nicht der Patient. Wenn ein Patient damit nicht einverstanden ist, hat er die Möglichkeit, eine zweite Meinung einzuholen.
17. Eine staatliche Institution (z.B. das IQuiG) legt Behandlungsleitlinien fest und eine „unabhängige“ gemeinsame Kommission aus Vertretern von Politik, „Einheitskrankenkasse“ und Mitarbeitern dieses Instituts entscheidet verbindlich, welche Leistungen vom System erbracht und finanziert werden
18. Fragwürdige Behandlungsmethoden (Diclo-Dexa-Spritzen, gewisse komplementärmedizinische Verfahren, teure neue Medikamente ohne zusätzlichen Wirkungsnachweis) gehören nicht dazu
19. Jeder Einwohner hat das Recht und die Gelegenheit, eine private Zusatzversicherung abzuschließen und sich damit Zusatzleistungen nach Wunsch einzukaufen (z.B. komplementärmedizinische Behandlung, Einzelzimmer, Chefarztbehandlung, teure Medikamente die nicht im Leistungskatalog enthalten sind…)
20. Für Ärzte, welche private Zusatzleistungen anbieten und gleichzeitig im staatlichen System arbeiten müssen strenge und klare Regeln geschaffen werden.
Es ist kein Zufall, dass die obigen Spielregeln stark an den britischen National Health Service erinnern, allerdings sind sie keine hundertprozentige Übertragung.
Mir ist auch klar, dass so ein System in Deutschland in absehbarer Zeit politisch nicht durchsetzbar ist.