Ben Whitcombe in London

Am Trafalgar Square stieg Ben aus dem Bus.
Eine Weile lang schaute er den Tauben zu, dann setzte er sich zwischen die Touristen auf eine der Stufen, die zur National Gallery hinaufführten. Ein Obdachloser ging mit einem Pappbecher umher.
„Du hast doch bestimmt auch ein bisschen Kleingeld für mich!“, sagte er und streckte Ben seinen Becher entgegen.
Ben schüttelte müde den Kopf.
„Du siehst aber aus, als ob du Geld hättest!“
Ben fand in seiner Hosentasche keine Münzen, aber einen Fünf-Pfund Schein und steckte ihn in den Pappbecher.
„So ist’s schon besser!“, brummte der Obdachlose zufrieden.
„Obwohl du nicht sonderlich gesprächig bist. Brauchst du auch nicht zu sein. Dir geht’s nicht gut. Ich weiß dass. War ja auch mal so einer wie du! Wirst schon wieder auf die Beine kommen! Schönen Tag noch.“
Ben riss die Augen auf.
„Wie bitte?“
Der Obdachlose lachte.
„Tja, ich war mal genau so einer wie du. Bin in besten Anzügen herumgelaufen. Hatte eine Rolex am Handgelenk. So wie du. Und deshalb weiß ich, wie es dir jetzt geht. Und ich weiß, wie man Leute wie dich behandeln muss, damit sie etwas springen lassen!“
Das Lachen wurde zu einem Hustenanfall, als er weiterging.
Ben stand auf und folgte ihm.
„Was haben Sie da gesagt?“
„Willst du meine Lebensgeschichte hören? Die erzähle ich dir gerne, wenn du magst. Kostet aber.“
Ben kramte in seiner Tasche und steckte ihm einen weiteren Fünfpfundschein zu.
„Spendier mir einen Drink,“ sagte der Andere, „dann erzähle ich dir mehr!“
Sie überquerten den Platz bis hinunter zu dem Kreisverkehr am unteren Ende. Der Obdachlose scherte sich nicht um den Verkehr und ging mit schlafwandlerischer Sicherheit zwischen Autos, Bussen und Taxis hindurch. Nach wenigen Metern standen sie vor einem Pub.
„Darf ich vorstellen? Das ist ‚Lord Moon at the Mall‘. Hier habe ich meine halbe Leber versoffen!“
„Ich verstehe nicht, wie man so schnell abstürzen kann!“, sagte er.
„Das geht schneller, als man denkt!“
„Wieso?“
„Ich verrate dir Eines: Vier Dinge gibt es, vor denen du Respekt haben solltest. Vier Dämonen, welche dich in den Abgrund reißen können!“
„Wie heißen die?“
Der andere nahm einen tiefen Schluck.
„Vier Dämonen!“, raunte er und zählte sie an seinen Fingern auf. „Krankheit. Sucht. Schulden. Trennung.“
„Welche waren es bei dir?“, fragte Ben.
„Wenn dich der eine von den Dämonen gepackt hat, dann sind auch die anderen nicht weit. Bei mir ging es mit der Sucht los. Dann kam die Trennung. Dann Schulden. Und zum Schluss die Krankheit. Und wenn du da einmal drin bist, dann kommst du nicht mehr hoch!“
Ben schaute den Fremden nachdenklich an.
„Wirklich nicht?“
Der Fremde erwiderte Bens Blick.
„Nur wenn du wirklich stark bist!“, sagte er und fuhr fort „Bist du gesund?“
Ben nickte.
„Gut. Hast du Schulden?“
„Zum Glück nicht.“
„Sehr gut. Sucht?“
„Nein. Absolut nicht.“
„Wunderbar. Wunderbar. Trennung?“
Ben stockte.
Der andere lachte. Ein heiseres, böses Lachen.
„Da haben wir es! Trennung! Hast du einen Job?“
Ben schaute ihn lange an und sagte nichts. Dann schüttelte er langsam den Kopf.
„Seit heute bin ich arbeitslos!“
Der Fremde lachte dröhnend.
„Aber eine Wohnung hast du noch?“
Ben schüttelte erneut den Kopf.
„Nein … seit heute früh habe ich keine Wohnung mehr!“
Der Obdachlose lachte weiter, dass ihm die Tränen über das Gesicht liefen.
„Du hast weder Frau noch Job noch Wohnung! Und läufst in Anzug und Krawatte durch die Welt. Ein Anfänger! Ein blutiger Anfänger!“
Ben verzog das Gesicht.
Sein Gegenüber trank das zweite Glas in einem Zug aus.
Dann kramte er in seiner Tasche und holte die beiden Geldscheine wieder hervor, die Ben ihm wenige Minuten zuvor gegeben hatte.
„Nichts für ungut!“, sagte er, „Danke für das Bier. Aber die Kohle, die gebe ich dir zurück. Glaub mir, du hast noch eine Menge zu lernen!“
Er schob die beiden Scheine in Bens Richtung und stand auf.
„Mach’s gut, Kollege!“
Er lachte bitter, schlurfte aus dem Lokal und drehte sich nicht mehr um.

Auszug aus: Burkhard Sonntag. „Wege nach Lyonesse“, Kapitel 19, London

Ben Whitcombe in Wien

„Ben schraubte das Aluminiumröhrchen auf. Die Zigarre war von einem hauchdünnen Blättchen aus Balsaholz umwickelt. Immer noch zögernd nahm Ben beides heraus.

Die Serviererin kam zurück und stellte Karaffe und Glas vor ihn auf den Tisch. Ein Streichholzbriefchen hatte sie auf ein separates Tellerchen gelegt.

Ben nickte ihr zu und trank einen kleinen Schluck.

Verstohlen schaute er auf das Display seines Handys. Noch keine Antwort von Francesco? Er würde ihm eine weitere Nachricht schicken müssen.

„Hier wartet ein Glas Wein auf dich!“, schrieb er, „Du weißt schon, wo! Sehen wir uns?“

Auszug aus: Burkhard Sonntag. „Wege nach Lyonesse“, Kapitel 2, Wien