Ärztlicher Bereitschaftsdienst: Freud und Leid

Für einen Hausarzt gehören die Notdienste – die Teilnahme am „Ärztlichen Bereitschaftsdienst“ abends, nachts, an Wochenenden und Feiertagen mit dazu. Beliebt sind sie – aus verständlichen Gründen – nicht gerade. Seit vielen Jahren mache ich schon keine KV-Dienste mehr und ich vermisse sie auch nicht.
Früher habe ich zeitweise sehr viele Dienste gemacht.

Ich habe diese Dienste geliebt:
Wenn ich ausgeschlafen um achtzehn Uhr zur Dienstzentrale kam, mit leichtem Gepäck (Stethoskop, Thermoskanne und Butterbrote, alles andere war in der Dienstzentrale vorhanden), dort meine Kollegen – Fahrer und Rezeptionistin – begrüßt habe und mich dann an die Arbeit machen konnte.
Mein netter Fahrer hat mich dann durch die wundervolle Südenglische Landschaft gefahren und mit Anekdoten aus seinem früheren Leben als Polizist oder Rettungssanitäter unterhalten. Zwischendurch habe ich die Telefonanrufe entgegengenommen (die Leitstelle hatte bereits Namen und Adresse notiert) und dann entschieden, ob der Patient in die Dienstzentrale kommen musste oder ob wir hinfahren würden. Wenn zwischendurch ein Patient in die Dienstzentrale kam, wurde er von der Rezeptionistin hereingelassen, musste also nicht vor der Tür stehen. Die Patienten bekamen nach Behandlung auch in der Regel kein Rezept, sondern gleich eine kleine Packung der notwendigen Medikamente (natürlich nur eine begrenzte Auswahl), brauchten also nicht erst irgendeine diensthabende Apotheke zu suchen.
Morgens um acht bin ich dann nach Hause gefahren und habe mich ins Bett gelegt und nach dem Aufstehen den Rest des Tages genossen.

Ich habe diese Dienste gehasst:
Wenn ich nach einem langen Praxis-Tag den Anrufbeantworter eingeschaltet habe und mit flauem Gefühl im Magen durch das Schneetreiben nach Hause gefahren bin. Irgendwann kam dann der Anruf: eine agitierte Stimme in starkem Dialekt, der mir kaum sagen konnte, wo er wohnte, geschweige denn, wie man dort hinkam. Dann habe ich mich wieder durch das Schneetreiben über ungeräumte Nebenstraßen (20 Zentimeter Neuschnee) auf den Weg gemacht und im Dunkeln nach Hausnummern gesucht (weil eigentlich ja jeder außer mir wusste, dass der Hof Nr. 5 nicht neben Haus Nr. 6 sondern am anderen Ende des Dorfes liegt). Dann gab es noch Diskussionen, weil ich die gewünschten Medikamente nicht mitgebracht hatte, sondern auf die 15 KM entfernte diensthabende Apotheke verweisen musste. Oder weil ich in meinem 15 KG schweren Rucksack keine Katheter dabei hatte, der Patient sich aber wegen des Harnverhaltes auch nicht einweisen lassen wollte. Oder weil die Krankenkassenkarte unauffindbar war. Oder gerade kein Kleingeld für die Praxisgebühr im Haus war (beliebt auch: „Haben wir doch schon bezahlt!“ – Quittung natürlich nicht vorhanden). Oder ein stadtbekannter Drogenabhängiger ruft an, der bekanntermaßen vor einem halben jJahr schon einen Kollegen zusammengschlagen hat (selbst schuld!). Oder… oder…. oder…. Ich habe es gehasst! (um fair zu sein: solche Dienste habe ich nicht nur in Deutschland, sondern auch in England erlebt).
Um sieben Uhr dann nach schlafloser Nacht dann natürlich wieder ein langer Praxistag.

Prinzipiell finde ich Notdienste spannend und würde sie auch jederzeit gerne wieder machen – allerdings denke ich, dass das eine ganz eigene Tätigkeit ist, die eigene Qualifikationen erfordert (z.B. Triage), für die man sich interessieren muss. Das können, müssen aber nicht notwendigerweise Allgemeinmediziner sein – auch wenn Allgemeinmediziner natürlich dafür prädestiniert sind.
Als Patient würde ich mir wünschen, wenn diese Dienste von qualifizierten Ärzten durchgeführt werden, die diese Dienste gerne machen, weil sie sich dafür interessieren und nicht von übermüdeten Kollegen, die diesen Dienst nach einem langen Praxistag noch „aufgedrückt“ bekommen.

Ich denke, dass es ein wunderbares Feld ist, wo Kliniken und ambulant tätige Kollegen herrlich zusammenarbeiten könnten, wenn sie wollen: Als einzige Anlaufstelle eine Triage-Station, die in der Notaufnahme einer Klinik angesiedelt ist, wo alle Patienten hindirigiert werden und dann von einem erfahrenen ärztlichen Kollegen entweder ambulant behandelt oder stationär eingewiesen werden, mit vorgeschalteter Telefontriage, wo entschieden wird, ob Hausbesuch oder Praxisbesuch, warum z.B. nicht auch ein Fahrdienst für Patienten (viele Hausbesuche wären nicht notwendig, wenn die Patienten eine Fahrmöglichkeit hätten – haben sie aber nicht. Taxi können sie sich nicht leisten. Ein vom Notdienst bezahlter Fahrdienst ist immer noch billiger als die ärztliche Arbeitszeit!)?

Okay. Träumen darf man. Muss man aber nicht. Man kann auch alles so lassen wie es ist. Bis jetzt ist es ja meistens gut gegangen. Und vielleicht finden sich ja auch in der Zukunft genügend Deppen…. oh, Verzeihung…. interessierte Kollegen, die alles so wie bisher weiterführen werden….

Ben Whitcombe in London

Am Trafalgar Square stieg Ben aus dem Bus.
Eine Weile lang schaute er den Tauben zu, dann setzte er sich zwischen die Touristen auf eine der Stufen, die zur National Gallery hinaufführten. Ein Obdachloser ging mit einem Pappbecher umher.
„Du hast doch bestimmt auch ein bisschen Kleingeld für mich!“, sagte er und streckte Ben seinen Becher entgegen.
Ben schüttelte müde den Kopf.
„Du siehst aber aus, als ob du Geld hättest!“
Ben fand in seiner Hosentasche keine Münzen, aber einen Fünf-Pfund Schein und steckte ihn in den Pappbecher.
„So ist’s schon besser!“, brummte der Obdachlose zufrieden.
„Obwohl du nicht sonderlich gesprächig bist. Brauchst du auch nicht zu sein. Dir geht’s nicht gut. Ich weiß dass. War ja auch mal so einer wie du! Wirst schon wieder auf die Beine kommen! Schönen Tag noch.“
Ben riss die Augen auf.
„Wie bitte?“
Der Obdachlose lachte.
„Tja, ich war mal genau so einer wie du. Bin in besten Anzügen herumgelaufen. Hatte eine Rolex am Handgelenk. So wie du. Und deshalb weiß ich, wie es dir jetzt geht. Und ich weiß, wie man Leute wie dich behandeln muss, damit sie etwas springen lassen!“
Das Lachen wurde zu einem Hustenanfall, als er weiterging.
Ben stand auf und folgte ihm.
„Was haben Sie da gesagt?“
„Willst du meine Lebensgeschichte hören? Die erzähle ich dir gerne, wenn du magst. Kostet aber.“
Ben kramte in seiner Tasche und steckte ihm einen weiteren Fünfpfundschein zu.
„Spendier mir einen Drink,“ sagte der Andere, „dann erzähle ich dir mehr!“
Sie überquerten den Platz bis hinunter zu dem Kreisverkehr am unteren Ende. Der Obdachlose scherte sich nicht um den Verkehr und ging mit schlafwandlerischer Sicherheit zwischen Autos, Bussen und Taxis hindurch. Nach wenigen Metern standen sie vor einem Pub.
„Darf ich vorstellen? Das ist ‚Lord Moon at the Mall‘. Hier habe ich meine halbe Leber versoffen!“
„Ich verstehe nicht, wie man so schnell abstürzen kann!“, sagte er.
„Das geht schneller, als man denkt!“
„Wieso?“
„Ich verrate dir Eines: Vier Dinge gibt es, vor denen du Respekt haben solltest. Vier Dämonen, welche dich in den Abgrund reißen können!“
„Wie heißen die?“
Der andere nahm einen tiefen Schluck.
„Vier Dämonen!“, raunte er und zählte sie an seinen Fingern auf. „Krankheit. Sucht. Schulden. Trennung.“
„Welche waren es bei dir?“, fragte Ben.
„Wenn dich der eine von den Dämonen gepackt hat, dann sind auch die anderen nicht weit. Bei mir ging es mit der Sucht los. Dann kam die Trennung. Dann Schulden. Und zum Schluss die Krankheit. Und wenn du da einmal drin bist, dann kommst du nicht mehr hoch!“
Ben schaute den Fremden nachdenklich an.
„Wirklich nicht?“
Der Fremde erwiderte Bens Blick.
„Nur wenn du wirklich stark bist!“, sagte er und fuhr fort „Bist du gesund?“
Ben nickte.
„Gut. Hast du Schulden?“
„Zum Glück nicht.“
„Sehr gut. Sucht?“
„Nein. Absolut nicht.“
„Wunderbar. Wunderbar. Trennung?“
Ben stockte.
Der andere lachte. Ein heiseres, böses Lachen.
„Da haben wir es! Trennung! Hast du einen Job?“
Ben schaute ihn lange an und sagte nichts. Dann schüttelte er langsam den Kopf.
„Seit heute bin ich arbeitslos!“
Der Fremde lachte dröhnend.
„Aber eine Wohnung hast du noch?“
Ben schüttelte erneut den Kopf.
„Nein … seit heute früh habe ich keine Wohnung mehr!“
Der Obdachlose lachte weiter, dass ihm die Tränen über das Gesicht liefen.
„Du hast weder Frau noch Job noch Wohnung! Und läufst in Anzug und Krawatte durch die Welt. Ein Anfänger! Ein blutiger Anfänger!“
Ben verzog das Gesicht.
Sein Gegenüber trank das zweite Glas in einem Zug aus.
Dann kramte er in seiner Tasche und holte die beiden Geldscheine wieder hervor, die Ben ihm wenige Minuten zuvor gegeben hatte.
„Nichts für ungut!“, sagte er, „Danke für das Bier. Aber die Kohle, die gebe ich dir zurück. Glaub mir, du hast noch eine Menge zu lernen!“
Er schob die beiden Scheine in Bens Richtung und stand auf.
„Mach’s gut, Kollege!“
Er lachte bitter, schlurfte aus dem Lokal und drehte sich nicht mehr um.

Auszug aus: Burkhard Sonntag. „Wege nach Lyonesse“, Kapitel 19, London

Ben Whitcombe in Wien

„Ben schraubte das Aluminiumröhrchen auf. Die Zigarre war von einem hauchdünnen Blättchen aus Balsaholz umwickelt. Immer noch zögernd nahm Ben beides heraus.

Die Serviererin kam zurück und stellte Karaffe und Glas vor ihn auf den Tisch. Ein Streichholzbriefchen hatte sie auf ein separates Tellerchen gelegt.

Ben nickte ihr zu und trank einen kleinen Schluck.

Verstohlen schaute er auf das Display seines Handys. Noch keine Antwort von Francesco? Er würde ihm eine weitere Nachricht schicken müssen.

„Hier wartet ein Glas Wein auf dich!“, schrieb er, „Du weißt schon, wo! Sehen wir uns?“

Auszug aus: Burkhard Sonntag. „Wege nach Lyonesse“, Kapitel 2, Wien