Im „Land of Hope and Glory”: Als Hausarzt in Großbritannien

Ein kleiner Überblick über das britische Gesundheitssystem, den ich für die Zeitschrift für Allgemeinmedizin geschrieben habe (leider

Das britische Primärarztsystem verändert sich derzeit. Nach wie vor gibt es gewaltige Unterschiede zum deutschen Gesundheitswesen. Im April 2004 ist ein neuer Rahmenvertrag in Kraft getreten, der die Aufgaben und die Vergütung von Hausärzten neu regelt. Auûerdem sind von 2005 an alle Ärzte verpflichtet, sich regelmäûig fortzubilden, die eigene kontinuierliche Weiterentwicklung mit einem Mentor zu besprechen und dies zu dokumentieren.

Brüssel Gare Midi, Dezember 2001: Eine Tüte Euro bitte! – oder: Von der wahrscheinlich vorläufig letzten Gelegenheit, italienische Lire gegen belgische Franc umzutauschen

Der Eurostar war pünktlich und jetzt habe ich in Brüssel über eine Stunde Zeit, drei dreihundert belgische Franc und eine Idee.
Sind nicht diese Woche zum unter großem Medienrummel die ersten Euro-Münzen unters Volk gebracht worden? Als sogenannte „Starter-Kits“ in sorgfältig abgezählten Plastiktütchen?
Also gut, dann mache ich mich mal auf die Suche.
In der unterirdischen Ladenpassage gibt es so ziemlich alles, vom Friseur bis zum Internetcafe und natürlich auch eine Wechselstube.
Nein, der Euro kommt doch erst nächstes Jahr, erklärt man mir geduldig, so wie man es halt einem ignoranten Ausländer erzählt, und es ist deutlich zu merken, der gute Mann erzählt das heute nicht zum ersten Mal.
Münzen? In Plastiktütchen?
Er beratschlagt mit einem Kollegen. Ich soll’s doch mal an der Post versuchen.
Die Post ist am anderen Ende des Bahnhofs und die lange Schlange vor den Schaltern sieht ziemlich entmutigend aus.
Gleich um die Ecke finde ich eine kleine Bankfiliale. Drei Schalter, davon zwei geschlossen. Vor dem Dritten ein Schild „nur für schnelle Transaktionen“.
Zwei Leute warten geduldig vor mir. Ihre schnellen Transaktionen dauern Ewigkeiten. Endlich.
Ja, hier gibts Euros. In abgepackten Tütchen zu fünfhundert Franc, und nur ein Tütchen pro Person.
Ob ich für meine dreihundert Franc nicht vielleicht ein halbes Tütchen….?
Nein, das geht nicht.
Ob sie mir nicht ein paar D-Mark, Pfund oder Schillinge umtauschen…?
Nein, Umtausch gibts nur für Kontoinhaber.
Das war’s denn wohl. Zurück zum Bahnhof, ins nächste Cafe, erstmal nen Kaffee trinken.
In fünfundvierzig Minuten geht mein Zug. Meine Barschaft ist auf zweihundertvierzig Franc geschrumpft. Ob ich die dann wohl doch lieber in belgische Schokolade investieren soll? Oder noch einen Versuch wagen?
Eine Minute später finde ich mich in der Wechselstube wieder und zücke einen dicken Briefumschlag voller Lire, Escudos, Drachmen, Punt, Schillingen und ähnlichem Gemüse.
„No Commission für Nicht-Euro-Währungen“ steht auf dem Werbeplakat. Meine Lire aber werde ich nur gegen fünfzig Franc Provision los.
Wieder in die Stadt. Hundert Meter weiter die nächste Bank. Keine Schlange vor den Schaltern.
Euros? Die gibts doch erst nächstes Jahr. Ob ich nicht lieber britische Pfund möchte?
Probepackungs-Tütchen mit Euro-Münzen?
Er wird rot.
Nein, gibts nicht, sagt er schnell.
Vielleicht doch?
Immerhin liegt ein ganzer Stapel davon direkt hinter der Glasscheibe, quasi zum Greifen nah.
Nur für Kontoinhaber.
Ob man nicht vielleicht, freundlicherweise, einmal eine Ausnahme machen könnte?
Er schüttelt den Kopf.
Diese Eurotütchen sind anscheinend so rar wie Goldstaub.
Wo gibts die Dinger denn?
Schulterzucken. Für so miese Ausländer wie Dich gar nicht, würde er wohl gerne sagen.
Arschloch, will ich sagen. Stattdessen bemühe ich mich um ein Lächeln.
Na, dann mache ich halt ein Konto auf.
Geht nicht. Ich versuche es mit sanftem Druck
Könnte ich vielleicht mit Ihrem Vorgesetzten sprechen?
Der hat keine Zeit.
Ich würde ja gerne noch weiter insistieren, aber in einer halben Stunde geht mein Zug.
Also doch wieder zu der kleinen Bank von vorhin. Inzwischen sind sogar alle drei Schalter offen. Leider auch eine beachtliche Schlange.
Zehn Minuten später sind es noch genauso viele.
Ich weiss nicht, wieviele Stempel und Unterschriften man in Belgien braucht, um an einem Schalter, „nur für schnelle Transaktionen“, sein Geld abzuheben.
Endlich wird ein Schalter frei.
Ob man vielleicht, bittebitte, so nett wäre, mich vielleicht vor zu lassen, weil in zehn Minuten…
Ich stehe vor dem Schalter… und der Banker ist plötzlich weg. Wo steckt er?
Ich werde nervös… der Zug…
Der Banker kommt wieder, erkennt mich, lächelt.
„Eine Tüte Euro bitte!“
Ich schiebe meine fünf Hundertfranc-Scheine unter der Glasscheibe durch. Er nimmt sie einzeln, einen nach dem anderen auf, zählt sie sorgfältig, zählt sie nochmal.
Lächelt. Tippt in Zeitlupe auf seinem Computer. Nimmt einen Schlüsselbund, schliesst einen Schrank auf, welchem er einen Schlüsselbund entnimmt. Öffnet einen weiteren Schrank und holt endlich ein Tütchen Euro-Münzen aus dem Versteck. Füllt eine Quittung aus.
Ich greife nach meinen Euros und renne zurück zum Bahnhof.
Der Zug hat Verspätung. Ich hole das Tütchen aus der Tasche und sehe mir die Münzen an.
Vierzehn komma acht eins belgische Euros. Brandneue, glänzende, prägefrische Münzen. Auf der Rückseite lächelt der König.
Was ist an diesen Dingern bloß so Besonderes?

Waterloo Station, London

Einmal nach Waterloo bitte, zurück morgen.
Waterloo. Mir klingt immer noch dieser uralte „Abba“-Song im Ohr, den sie gestern auf der Party immer wieder und wieder gespielt haben.
Waterloo ist ein anständiger Bahnhof. Bei der Einfahrt kann man linker Hand ab und zu zwischen den Hochhäusern den Fluß durchschimmern sehen, ab und zu auch das Parlament und Big Ben und natürlich die jüngste Attraktion dieser Stadt, das Riesenrad, das größte Europas und zweitgrößte der Welt. Mit den Rekorden ist das natürlich so eine Sache, es wird bestimmt nicht lange dauern, bis irgendein fernöstlicher oder amerikanischer Großmogul ein größeres baut.
Kurz bevor der Zug dann zum Stillstand kommt taucht linker Hand jene hypermoderne bläuliche Hallenkonstruktion auf, die dem Bahnhof das Attribut „International“ verleiht, worauf man hierzulande mächtig stolz ist.
Immerhin, die Gepäckwägelchen nehmen auch französische und belgische Münzen. Und rücken sie wie es sich gehört nach Gebrauch wieder raus, wir sind ja schließlich nicht in Deutschland.
Ich durchquere die Bahnhofshalle – großzügig, wie es sich gehört, mit den üblichen Cafés und Zeitungsläden, der Geruch der großen Weiten Welt, der solchen Orten immer innewohnt – und suche dann zielstrebig den Eingang in die Unterwelt.
Eine Besonderheit von Waterloo ist, daß es keinen nennenswerten Bahnhofsvorplatz gibt. Dort, wo man einen solchen erwarten würde, schrammt in luftiger Höhe auf ihrem Viadukt eine weitere Bahnlinie gerade knapp an der Außenfassade des Hauptgebäudes vorbei, zu ihren Füßen ein unübersichtliches Gewirr aus mehrspurigen Schnellstraßen, die sich hier auf unnachahmliche Weise verknoten. Fußgänger werden erstmal in die Katakomben geschickt.
Immerhin sind diese Unterführungen inzwischen auf fast rührende Weise neu gestaltet worden. An den Wänden prangen jetzt Dichterzitate. Und auf der riesigen Verkehrsinsel in der Mitte des Kreisverkehres prangt ein kreisrundes Imax-Kino.
Von hier aus fürht mein Lieblings-Fußgängertunnel – jener mit dem blauen Sternenhimmel – zu einer der Hauptattraktionen jener Stadt: Dieses wunderbare Café unter der Brücke.
Selbst jetzt im Dezember und selbst wenn es in Strömen regnet kann man dort noch auf den Bänken draußen sitzen, während zehn Meter weiter über einem der Verkehr donnert. Davon hört man aber nichts. Stattdessen gibts hier den Bücherflohmarkt und jede Menge Straßenmusiker – die Akustik ist einmalig.
Ich trete ein, hole mir einen Kaffee setze mich ans Fenster, versuche so intellektuell wie möglich auszusehen, aber die attraktive Frau neben mir liest trotzdem lieber weiter in ihrem Buch…

Vierzehn Stunden Schweden: Ein Frühlingstag in Malmö

Ich fühle mich übernächtigt. Ich sitze auf irgendeiner Bank in irgendeinem Park in irgendeiner Stadt in irgendeinem Land, in dem ich noch nie vorher gewesen bin.
Es ist vielleicht halb 10 Uhr früh und ein Rentner schiebt sein Fahrrad am Ententeich vorbei. Die Enten quaken, Vögel zwitschern und der künstliche Wasserfall plätschert vor sich hin. Plätschert von jenem vielleicht eineinhalb Meter hohen Felseninselchen im Teich.
Der Himmel ist bewölkt und es ist tendenziell kühl.
Vor mir ist das imposante Gebäude der Stadtbibliothek und die ist zur Zeit noch geschlossen.
Es sieht verdammt nach Regen aus.
Was will ich hier eigentlich?
Ich muß gähnen Hinter mir tobt der Verkehrslärm einer großstädtischen Durchgangsstraße. Ein Presslufthammer hämmert und zwei Enten kommen näher und wollen was von meinen Keksen abhaben. Eine junge Mutter schiebt einen Kinderwagen vorbei.
Ich bin in einem fremden Land und alles ist viel weniger exotisch als ich es erwartet habe.
Also gut: Morgens früh um sieben auf dem Dampfer reibe ich mir verschlafen die Augen. Land in Sicht. Diesigdunstiger Nieselregen, der Landstreifen wird breiter, Häuser und Hafenanlagen tauchen auf, dann die Lautsprecheransage und eine Stunde später betrete ich zum ersten Mal in meinem Leben schwedischen Boden.
Passkontrolle. Der Afrikaner vor mir braucht länger, ich dagegen werde schnell durchgewunken.
Trelleborg schläft.
Eine schlafende Fußgängerzone, schlafende Cafes, schlafende Läden. Schlafender Stadtpark. Sogar Mc Donalds hat noch zu.
Wie durch ein Wunder entdecke ich eine Wechselstube, die offen hat und in der ich für zwanzig britische Pfund knapp zweihunderfünfzig schwedische Kronen kriege.
Der Bus nach Malmö kostet 40 Kronen und ist brechend voll.
Was macht man in Malmö morgens um 8?
Der Bahnhof ist schön. Ein Kopfbahnhof. Endstation. Von hier aus führen alle Wege nach Norden. Es gibt einen Superschnellzug nach Stockholm und vielleicht kann man ja sogar von dort aus ja bis zum Polarkreis weiterfahren.
Gegenüber vom Bahnhof ist ein Fährterminal, von dem aus gerade ein schnelles Tragflügelbot nach Kopenhagen startet. Ob ich mal auf nen Sprung rüber soll?
Der Kaffee im Bahnhofsrestaurant kostet zwanzig Kronen. Eine Postkarte nach Deutschland sieben. Ein Schließfach zehn.
Immerhin bin ich mein Gepäck jetzt endlich los. Ich laufe ein wenig unschlüssig herum und vergleiche Preise. In der Tourist Information gibts ganz umsonst ein dickes Bündel Broschüren und sogar einen brauchbaren Stadtplan.
Ganz besonders stolz sind sie wohl auf ihre Brücke. Jene Brücke soll demnächst mal Malmö mit Kopenhagen verbinden und die schönen Tragflügelboote überflüssig machen. Und weil sie gerade dabei sind, bauen sie gleich noch einen Tunnel vom Brückenkopf durch die Innenstadt zum Bahnhof.
Also gut, dann schau ich mir mal die Stadt an.
Eine Fußgängerzone. Ein ziemlich großer Platz. Steinhäuser, für die Ewigkeit gebaut. Kaufhäuser und Geschäfte. Könnte auch Deutschland sein. Oder England. Oder sonstwo.
Dieselben Steakhouse- und Burger-Ketten wie überall. Nur die Sprache unverständlich. Ich beginne, Worte zu erraten.
Stortorget heisst soviel wie „großer Platz“. Das krieg ich ganz ohne Wörterbuch raus. Und der Platz ist ganz nett, und groß natürlich, mit Bäumen und diversen Denkmälern. Die Fußgängerzone geht noch weiter. Am Gustaf-Adolf-Torget sieht es etwas belebter aus, abends scheint öfters mal was los zu sein.
Vor dem drohenden Regen fliehe ich in die Bibliothek und kaum bin ich drin, da schüttet es auch schon in Strömen.
Um Himmels Willen, wie soll ich bloß sie restlichen sieben Stunden Malmö herumkriegen?
In der Bibliothek kann ich mich häuslich niederlassen.
Neben mir sitzt ein Typ mit Krawatte, schräg gegenüber ein ziemlich junges Mädel.
Ich übe mich in soziologischen Studien. These Eins: Nicht alle Schwedinnen sind blond. In der Tat entdecke ich sogar einen ziemlich beachtlichen Ausländeranteil.
These zwei: Nicht alle Blondinen sind hübsch. Manche sind ziemlich übergewichtig.
Und These drei: Es gibt auch hübsche, Nicht-blonde Schwedinnen. Schade, daß mein Schwedisch nicht zum Flirten ausreicht.
Genaugenommen sind meine Schwedischkenntnisse sogar gleich null, aber erstaunlich viele Worte lassen sich erraten.
Ich entdecke einen öffentlichen Internetcomputer, und trotz schwedischer Tastatur und Browsereinstellung schaffe ich es – nach mehreren Systemabstürzen – ein paar Emails zu verschicken.
Da sitze ich also: In einem fremden Land, in einer fremden Stadt und schreibe Emails nach England.
Das hat schon etwas Dekadentes. Irgendwie verrückt.
Draußen klart sich der Himmel auf und die Sonne kommt heraus.
Ich wandere durch weitläufige Parks. Diese Parks sind von Wasserläufen durchzogen, man muß aufpassen, wo man landet, nicht überall gibts Brücken. Aber der kostenlose Stadtplan von der Tourist Information leistet gute Dienste.
Im Park gibts eine Windmühle und ein Schloß, das Malmö-Haus oder so ähnlich. Das sehe ich aber nur von hinten, finde mich dann vor einem Technik-Museum wieder, überquere eine Straße, laufe über eineWiese und stehe dann am Meer.
Naja, was man hier halt so als Meer bezeichnet. Eine Uferbefestigung aus groben Steinbrocken, rechter Hand Hafenanlagen und linker Hand…. da ist sie, jene legendäre Brücke.
Ein Stück Fahrbahn ist schon fertig, ein Hauptpylon, mehrere Pfeiler, die im Nichts enden, irgendwo mittendrin eine künstlich aufgeschüttete Insel.
Drüben, nicht allzuweit weg ist die dänische Küste. Oder das dänische Ufer. Wirklich, man kann fast rüberspucken, es wirkt eher wie ein breiter Fluß als ein Meeresarm. Ist das auf der anderen Seite schon gleich Kopenhagen?
Ich drehe um, gehe zurück in Richtung Stadt und lande auf dem Friedhof.
Ein uralter Friedhof mit Bäumen und Grabsteinen aus dem letzten Jahrhundert, eher ein Park. Und gleich nebendran ist der Gustaf-Adolf-Torget, der Platz, an dem das Kneipenleben tobt.
Ich teste die lokale Gastronomie.
Die Falaffel im Triangelen-Shopping Centre ist ganz okay, billig und deutlich milder gewürzt als erwartet.
Irgendwo finde ich auch ein passables Café.
Ich streife durch die Fußgängerzone. Nicht, daß ich in den großen Kaufrausch verfallen würde, aber mein Schreck über die exorbitanten Preise legt sich bei näherem Hinsehen ein wenig.
Auf dem Stortorget findet eine Demonstration statt, es geht um den Krieg im Kosovo. In den Kinos laufen dieselben Filme wie überall sonst auf der Welt. Es gibt ein paar schöne, alte Kinos.
Aber muß ich mir jetzt einen schwedisch synchronisierten Holywoodschinken reintun?
Ich habe noch ein wenig Zeit und streife lieber durch das Kneipenviertel.
Da ist eine Gruppe giggelnder junger Frauen, eine trägt eine Art Brautkleid und muss irgendwas singen. Also wiedermal eine ethnologische Studie: These eins: Sie ist einfach besoffen. These zwei: Es handelt sich um einen lokalen Hen-Night Brauch, entfernt verwandt mit dem deutschen Polterabend. These drei: Beide Thesen schliessen einander nicht aus.
Es ist ein angenehm milder Frühlingsabend und ich beschließe, daß Malmö mir gefällt. Ich schreibe ein paar Postkarten und mache mich dann auf den Weg zum Bahnhof.
Der Zug steht schon bereit.

„Die Jagd ist eröffnet…“: Mitarbeiter von Hilfsorganisationen in Ruanda leben gefährlich

Der Puls beschleunigt sich, der Telefonhörer fällt mir fast aus der Hand. Am anderen Ende der Leitung ist der deutsche Botschafter. Und der hat uns gerade mitgeteilt, dass in der letzten Nacht drei spanische Kollegen ermordet worden sind. Was sollen wir jetzt tun?
„Na ja… am besten ist wohl, Sie rühren sich nicht!“ sagt er, aber es klingt eher hilflos.
Ich schaue aus dem Fenster in die afrikanische Sommerlandschaft über grüne Bananenfelder, Papaya- und Eukalyptusbäume bis hin zur blauen Silhouette des viertausend Meter hohen Muhabura. Niemand von uns hätte gerechnet, dass der Bürgerkrieg uns so schnell wieder einholen würde.
Im Rahmen eines Einsatzes für das „Komitee Ärzte für die Dritte Welt“ habe ich gemeinsam mit mehreren Kollegen sechs Wochen lang in Ruanda gearbeitet. Seit 1995 betreibt das Komitee hier in Nyakinama im Nordosten des Landes ein kleines Gesundheitszentrum mit etwa vierzig Krankenbetten. Deutsche Ärztinnen und Ärzte arbeiten jeweils etwa 6 Wochen lang unentgeltlich mit, meist opfern sie für diesen Einsatz ihren Jahresurlaub.
Als wir Anfang Dezember hier ankamen, wirkte Ruanda fast wie ein tropisches Paradies. Es war der Beginn der kleinen Regenzeit und die Landschaft war überwältigend schön: Sanft-grüne Hügelrücken, die sich bis auf über 2000 Meter hoch hinziehen und selbst an den steilsten Stellen noch in Terrassen von Kartoffel- und Maisfeldern bebaut sind. Nach Norden hin bildet die Kette der Virunga-Vulkane das Dreiländereck mit Uganda und Zaire. Die wenigen verbliebenen Regenwaldreste an den Hängen jener Vulkane sind international bekannt als Reservat der letzten Berggorillas.
Gemeinsam mit einheimischen Mitarbeitern halten wir Sprechstunden ab, machen Visiten und führen einfache Eingriffe durch. Unsere Möglichkeiten sind recht begrenzt: Um die richtige Diagnose zu finden, müssen wir uns auf die Auskünfte der Patienten, unsere fünf Sinne und das Stethoskop verlassen.
Zur Therapie fehlen selbst die einfachsten Medikamente. Nachschub ist nur schwer zu beschaffen und Lieferungen aus Deutschland liegen oft lange beim Zoll in Kigali fest.
Viele unserer Patienten sind Flüchtlinge, die erst vor wenigen Wochen aus Zaire zurück gekommen sind. Einige sind zu Fuß über hundert Kilometer weit gelaufen.
Der jüngsten Geschichte begegnet man auf Schritt und Tritt: Mehrere hunderttausend Menschen sind im Frühjahr 1994 innerhalb weniger Wochen von den Mörderbanden der Interahamwe-Milizen ermordet worden. Manche Quellen sprechen sogar von mindestens einer Million Opfern. Die damalige Regierung schaute zu und unterstützte die Interahamwe zumindest inoffiziell.
Am Rande der Hauptstadt Kigali gibt es eine kleine Kapelle. Etwa zwanzig Verfolgte hatten hier Zuflucht gesucht. Die Interahamwe-Leute aber warfen Handgranaten und Benzin hinein, so dass alle Opfer qualvoll verbrannten. Das rußgeschwärzte Gemäuer wurde als Mahnmal belassen und Mahnmale dieser Art gibt es viele im Land.
Gegen Mitte 1994 drangen die Rebellen der Patriotischen Front (FPR) von Nordwesten her immer weiter auf die Hauptstadt vor. Die Regierung reagierte mit aggressiver Hasspropaganda und forderte die Bevölkerung zur Flucht auf. Millionen flohen nach Zaire und Tansania. Dort entstanden bald riesige Lager, in welchen auch die Mitglieder der Interahamwe-Milizen vor Verfolgern sicher waren.
Wenig später übernahm die FPR die Macht und stellt seitdem bis heute die Regierung. Zwar kann man noch lange nicht von rechtsstaatlichen Verhältnissen im europäischen Sinne reden, aber die Lage in Ruanda ist in den letzten zwei Jahren doch erheblich stabiler geworden.
Ausgelöst durch die Unruhen in Zaire kehrten Anfang Dezember 1996 die meisten dort lebenden Flüchtlinge wieder zurück und vor Weihnachten wurden auch die Lager in Tansania aufgelöst.
Mit den Flüchtlingen kehrten aber auch die Interahamwe-Milizen wieder nach Ruanda zurück. Vorerst verlief dennoch alles erstaunlich friedlich. Erst später spitzte sich die Lage zu.
Anfang Januar gab es wenige Kilometer östlich von unserem Aufenthaltsort regelrechte Gefechte zwischen der regulären Armee und den Milizen. Ein paar Tage später wurde ein Krankenhaus von Uniformierten angegriffen, dabei wurden auch europäische Helfer bedroht und belästigt.
Am Abend des 18. Januar sind dann in Ruhengeri, in unserer unmittelbaren Nähe jene drei Spanier erschossen worden: ein Arzt, eine Krankenschwester und ein Organisator.
Das Brisante daran: Bislang waren Europäer eigentlich nur dann gefährdet, wenn sie irgendwie zufällig zwischen die Fronten gerieten. Dies hier aber war zum ersten Mal ein gezielter Überfall, der sich direkt gegen humanitäre Hilfsorganisationen richtete. Unsere drei Kollegen mussten sterben, weil irgendwer aus politischen Kalkül heraus die internationalen Helfer aus der Region vertreiben wollte.
Ob die Mörder aus den Reihen der Interahamwe-Milizen kamen oder aber Provokateure der Gegenseite waren, ist zweitrangig.
Auch wir brachen nach einer schlaflosen Nacht unsere Arbeit in Nyakinama ab und brachten uns am nächsten Morgen nach Kigali in Sicherheit. Ein polnischer Ordensmann, mit dem wir dort ins Gespräch kamen, nahm die ganze Geschichte mit Galgenhumor:
„Bisher hatten wir Weißen Schonzeit,“ sagte er, „Aber jetzt ist die Jagdsaison eröffnet!“
(Burkhard Sonntag, 3.2.1997)