Vierzehn Stunden Schweden: Ein Frühlingstag in Malmö

Ich fühle mich übernächtigt. Ich sitze auf irgendeiner Bank in irgendeinem Park in irgendeiner Stadt in irgendeinem Land, in dem ich noch nie vorher gewesen bin.
Es ist vielleicht halb 10 Uhr früh und ein Rentner schiebt sein Fahrrad am Ententeich vorbei. Die Enten quaken, Vögel zwitschern und der künstliche Wasserfall plätschert vor sich hin. Plätschert von jenem vielleicht eineinhalb Meter hohen Felseninselchen im Teich.
Der Himmel ist bewölkt und es ist tendenziell kühl.
Vor mir ist das imposante Gebäude der Stadtbibliothek und die ist zur Zeit noch geschlossen.
Es sieht verdammt nach Regen aus.
Was will ich hier eigentlich?
Ich muß gähnen Hinter mir tobt der Verkehrslärm einer großstädtischen Durchgangsstraße. Ein Presslufthammer hämmert und zwei Enten kommen näher und wollen was von meinen Keksen abhaben. Eine junge Mutter schiebt einen Kinderwagen vorbei.
Ich bin in einem fremden Land und alles ist viel weniger exotisch als ich es erwartet habe.
Also gut: Morgens früh um sieben auf dem Dampfer reibe ich mir verschlafen die Augen. Land in Sicht. Diesigdunstiger Nieselregen, der Landstreifen wird breiter, Häuser und Hafenanlagen tauchen auf, dann die Lautsprecheransage und eine Stunde später betrete ich zum ersten Mal in meinem Leben schwedischen Boden.
Passkontrolle. Der Afrikaner vor mir braucht länger, ich dagegen werde schnell durchgewunken.
Trelleborg schläft.
Eine schlafende Fußgängerzone, schlafende Cafes, schlafende Läden. Schlafender Stadtpark. Sogar Mc Donalds hat noch zu.
Wie durch ein Wunder entdecke ich eine Wechselstube, die offen hat und in der ich für zwanzig britische Pfund knapp zweihunderfünfzig schwedische Kronen kriege.
Der Bus nach Malmö kostet 40 Kronen und ist brechend voll.
Was macht man in Malmö morgens um 8?
Der Bahnhof ist schön. Ein Kopfbahnhof. Endstation. Von hier aus führen alle Wege nach Norden. Es gibt einen Superschnellzug nach Stockholm und vielleicht kann man ja sogar von dort aus ja bis zum Polarkreis weiterfahren.
Gegenüber vom Bahnhof ist ein Fährterminal, von dem aus gerade ein schnelles Tragflügelbot nach Kopenhagen startet. Ob ich mal auf nen Sprung rüber soll?
Der Kaffee im Bahnhofsrestaurant kostet zwanzig Kronen. Eine Postkarte nach Deutschland sieben. Ein Schließfach zehn.
Immerhin bin ich mein Gepäck jetzt endlich los. Ich laufe ein wenig unschlüssig herum und vergleiche Preise. In der Tourist Information gibts ganz umsonst ein dickes Bündel Broschüren und sogar einen brauchbaren Stadtplan.
Ganz besonders stolz sind sie wohl auf ihre Brücke. Jene Brücke soll demnächst mal Malmö mit Kopenhagen verbinden und die schönen Tragflügelboote überflüssig machen. Und weil sie gerade dabei sind, bauen sie gleich noch einen Tunnel vom Brückenkopf durch die Innenstadt zum Bahnhof.
Also gut, dann schau ich mir mal die Stadt an.
Eine Fußgängerzone. Ein ziemlich großer Platz. Steinhäuser, für die Ewigkeit gebaut. Kaufhäuser und Geschäfte. Könnte auch Deutschland sein. Oder England. Oder sonstwo.
Dieselben Steakhouse- und Burger-Ketten wie überall. Nur die Sprache unverständlich. Ich beginne, Worte zu erraten.
Stortorget heisst soviel wie „großer Platz“. Das krieg ich ganz ohne Wörterbuch raus. Und der Platz ist ganz nett, und groß natürlich, mit Bäumen und diversen Denkmälern. Die Fußgängerzone geht noch weiter. Am Gustaf-Adolf-Torget sieht es etwas belebter aus, abends scheint öfters mal was los zu sein.
Vor dem drohenden Regen fliehe ich in die Bibliothek und kaum bin ich drin, da schüttet es auch schon in Strömen.
Um Himmels Willen, wie soll ich bloß sie restlichen sieben Stunden Malmö herumkriegen?
In der Bibliothek kann ich mich häuslich niederlassen.
Neben mir sitzt ein Typ mit Krawatte, schräg gegenüber ein ziemlich junges Mädel.
Ich übe mich in soziologischen Studien. These Eins: Nicht alle Schwedinnen sind blond. In der Tat entdecke ich sogar einen ziemlich beachtlichen Ausländeranteil.
These zwei: Nicht alle Blondinen sind hübsch. Manche sind ziemlich übergewichtig.
Und These drei: Es gibt auch hübsche, Nicht-blonde Schwedinnen. Schade, daß mein Schwedisch nicht zum Flirten ausreicht.
Genaugenommen sind meine Schwedischkenntnisse sogar gleich null, aber erstaunlich viele Worte lassen sich erraten.
Ich entdecke einen öffentlichen Internetcomputer, und trotz schwedischer Tastatur und Browsereinstellung schaffe ich es – nach mehreren Systemabstürzen – ein paar Emails zu verschicken.
Da sitze ich also: In einem fremden Land, in einer fremden Stadt und schreibe Emails nach England.
Das hat schon etwas Dekadentes. Irgendwie verrückt.
Draußen klart sich der Himmel auf und die Sonne kommt heraus.
Ich wandere durch weitläufige Parks. Diese Parks sind von Wasserläufen durchzogen, man muß aufpassen, wo man landet, nicht überall gibts Brücken. Aber der kostenlose Stadtplan von der Tourist Information leistet gute Dienste.
Im Park gibts eine Windmühle und ein Schloß, das Malmö-Haus oder so ähnlich. Das sehe ich aber nur von hinten, finde mich dann vor einem Technik-Museum wieder, überquere eine Straße, laufe über eineWiese und stehe dann am Meer.
Naja, was man hier halt so als Meer bezeichnet. Eine Uferbefestigung aus groben Steinbrocken, rechter Hand Hafenanlagen und linker Hand…. da ist sie, jene legendäre Brücke.
Ein Stück Fahrbahn ist schon fertig, ein Hauptpylon, mehrere Pfeiler, die im Nichts enden, irgendwo mittendrin eine künstlich aufgeschüttete Insel.
Drüben, nicht allzuweit weg ist die dänische Küste. Oder das dänische Ufer. Wirklich, man kann fast rüberspucken, es wirkt eher wie ein breiter Fluß als ein Meeresarm. Ist das auf der anderen Seite schon gleich Kopenhagen?
Ich drehe um, gehe zurück in Richtung Stadt und lande auf dem Friedhof.
Ein uralter Friedhof mit Bäumen und Grabsteinen aus dem letzten Jahrhundert, eher ein Park. Und gleich nebendran ist der Gustaf-Adolf-Torget, der Platz, an dem das Kneipenleben tobt.
Ich teste die lokale Gastronomie.
Die Falaffel im Triangelen-Shopping Centre ist ganz okay, billig und deutlich milder gewürzt als erwartet.
Irgendwo finde ich auch ein passables Café.
Ich streife durch die Fußgängerzone. Nicht, daß ich in den großen Kaufrausch verfallen würde, aber mein Schreck über die exorbitanten Preise legt sich bei näherem Hinsehen ein wenig.
Auf dem Stortorget findet eine Demonstration statt, es geht um den Krieg im Kosovo. In den Kinos laufen dieselben Filme wie überall sonst auf der Welt. Es gibt ein paar schöne, alte Kinos.
Aber muß ich mir jetzt einen schwedisch synchronisierten Holywoodschinken reintun?
Ich habe noch ein wenig Zeit und streife lieber durch das Kneipenviertel.
Da ist eine Gruppe giggelnder junger Frauen, eine trägt eine Art Brautkleid und muss irgendwas singen. Also wiedermal eine ethnologische Studie: These eins: Sie ist einfach besoffen. These zwei: Es handelt sich um einen lokalen Hen-Night Brauch, entfernt verwandt mit dem deutschen Polterabend. These drei: Beide Thesen schliessen einander nicht aus.
Es ist ein angenehm milder Frühlingsabend und ich beschließe, daß Malmö mir gefällt. Ich schreibe ein paar Postkarten und mache mich dann auf den Weg zum Bahnhof.
Der Zug steht schon bereit.

„Die Jagd ist eröffnet…“: Mitarbeiter von Hilfsorganisationen in Ruanda leben gefährlich

Der Puls beschleunigt sich, der Telefonhörer fällt mir fast aus der Hand. Am anderen Ende der Leitung ist der deutsche Botschafter. Und der hat uns gerade mitgeteilt, dass in der letzten Nacht drei spanische Kollegen ermordet worden sind. Was sollen wir jetzt tun?
„Na ja… am besten ist wohl, Sie rühren sich nicht!“ sagt er, aber es klingt eher hilflos.
Ich schaue aus dem Fenster in die afrikanische Sommerlandschaft über grüne Bananenfelder, Papaya- und Eukalyptusbäume bis hin zur blauen Silhouette des viertausend Meter hohen Muhabura. Niemand von uns hätte gerechnet, dass der Bürgerkrieg uns so schnell wieder einholen würde.
Im Rahmen eines Einsatzes für das „Komitee Ärzte für die Dritte Welt“ habe ich gemeinsam mit mehreren Kollegen sechs Wochen lang in Ruanda gearbeitet. Seit 1995 betreibt das Komitee hier in Nyakinama im Nordosten des Landes ein kleines Gesundheitszentrum mit etwa vierzig Krankenbetten. Deutsche Ärztinnen und Ärzte arbeiten jeweils etwa 6 Wochen lang unentgeltlich mit, meist opfern sie für diesen Einsatz ihren Jahresurlaub.
Als wir Anfang Dezember hier ankamen, wirkte Ruanda fast wie ein tropisches Paradies. Es war der Beginn der kleinen Regenzeit und die Landschaft war überwältigend schön: Sanft-grüne Hügelrücken, die sich bis auf über 2000 Meter hoch hinziehen und selbst an den steilsten Stellen noch in Terrassen von Kartoffel- und Maisfeldern bebaut sind. Nach Norden hin bildet die Kette der Virunga-Vulkane das Dreiländereck mit Uganda und Zaire. Die wenigen verbliebenen Regenwaldreste an den Hängen jener Vulkane sind international bekannt als Reservat der letzten Berggorillas.
Gemeinsam mit einheimischen Mitarbeitern halten wir Sprechstunden ab, machen Visiten und führen einfache Eingriffe durch. Unsere Möglichkeiten sind recht begrenzt: Um die richtige Diagnose zu finden, müssen wir uns auf die Auskünfte der Patienten, unsere fünf Sinne und das Stethoskop verlassen.
Zur Therapie fehlen selbst die einfachsten Medikamente. Nachschub ist nur schwer zu beschaffen und Lieferungen aus Deutschland liegen oft lange beim Zoll in Kigali fest.
Viele unserer Patienten sind Flüchtlinge, die erst vor wenigen Wochen aus Zaire zurück gekommen sind. Einige sind zu Fuß über hundert Kilometer weit gelaufen.
Der jüngsten Geschichte begegnet man auf Schritt und Tritt: Mehrere hunderttausend Menschen sind im Frühjahr 1994 innerhalb weniger Wochen von den Mörderbanden der Interahamwe-Milizen ermordet worden. Manche Quellen sprechen sogar von mindestens einer Million Opfern. Die damalige Regierung schaute zu und unterstützte die Interahamwe zumindest inoffiziell.
Am Rande der Hauptstadt Kigali gibt es eine kleine Kapelle. Etwa zwanzig Verfolgte hatten hier Zuflucht gesucht. Die Interahamwe-Leute aber warfen Handgranaten und Benzin hinein, so dass alle Opfer qualvoll verbrannten. Das rußgeschwärzte Gemäuer wurde als Mahnmal belassen und Mahnmale dieser Art gibt es viele im Land.
Gegen Mitte 1994 drangen die Rebellen der Patriotischen Front (FPR) von Nordwesten her immer weiter auf die Hauptstadt vor. Die Regierung reagierte mit aggressiver Hasspropaganda und forderte die Bevölkerung zur Flucht auf. Millionen flohen nach Zaire und Tansania. Dort entstanden bald riesige Lager, in welchen auch die Mitglieder der Interahamwe-Milizen vor Verfolgern sicher waren.
Wenig später übernahm die FPR die Macht und stellt seitdem bis heute die Regierung. Zwar kann man noch lange nicht von rechtsstaatlichen Verhältnissen im europäischen Sinne reden, aber die Lage in Ruanda ist in den letzten zwei Jahren doch erheblich stabiler geworden.
Ausgelöst durch die Unruhen in Zaire kehrten Anfang Dezember 1996 die meisten dort lebenden Flüchtlinge wieder zurück und vor Weihnachten wurden auch die Lager in Tansania aufgelöst.
Mit den Flüchtlingen kehrten aber auch die Interahamwe-Milizen wieder nach Ruanda zurück. Vorerst verlief dennoch alles erstaunlich friedlich. Erst später spitzte sich die Lage zu.
Anfang Januar gab es wenige Kilometer östlich von unserem Aufenthaltsort regelrechte Gefechte zwischen der regulären Armee und den Milizen. Ein paar Tage später wurde ein Krankenhaus von Uniformierten angegriffen, dabei wurden auch europäische Helfer bedroht und belästigt.
Am Abend des 18. Januar sind dann in Ruhengeri, in unserer unmittelbaren Nähe jene drei Spanier erschossen worden: ein Arzt, eine Krankenschwester und ein Organisator.
Das Brisante daran: Bislang waren Europäer eigentlich nur dann gefährdet, wenn sie irgendwie zufällig zwischen die Fronten gerieten. Dies hier aber war zum ersten Mal ein gezielter Überfall, der sich direkt gegen humanitäre Hilfsorganisationen richtete. Unsere drei Kollegen mussten sterben, weil irgendwer aus politischen Kalkül heraus die internationalen Helfer aus der Region vertreiben wollte.
Ob die Mörder aus den Reihen der Interahamwe-Milizen kamen oder aber Provokateure der Gegenseite waren, ist zweitrangig.
Auch wir brachen nach einer schlaflosen Nacht unsere Arbeit in Nyakinama ab und brachten uns am nächsten Morgen nach Kigali in Sicherheit. Ein polnischer Ordensmann, mit dem wir dort ins Gespräch kamen, nahm die ganze Geschichte mit Galgenhumor:
„Bisher hatten wir Weißen Schonzeit,“ sagte er, „Aber jetzt ist die Jagdsaison eröffnet!“
(Burkhard Sonntag, 3.2.1997)

Aids in Afrika: Endzeitstimmung macht sich breit…

Nach Malamulo Mission soll es gehen? Das anfängliche Mißtrauen ist sofort aus dem Gesicht des Grenzbeamten verschwunden. Er nimmt meinen Paß, knallt seinen Stempel hinein und reicht ihn mir zurück. „Welcome to Malawi“, sagt er.
Malamulo Mission ist im ganzen Land ein Begriff. Schon seit der Jahrhundertwende predigen die Sieben-Tage-Adventisten hier, umgeben von Teeplantagen und Eukalyptushainen, westliche Lebensweise und puritanische Moral. Neben Kirche, Schule und einer Druckerei steht hier auch eines der besten Krankenhäuser des Landes.
Der schwedische Chefarzt gibt bereitwillig Auskunft. Das Hauptproblem sind Infektionskrankheiten: Vor allem Malaria, Tuberkulose und natürlich Aids.
Plötzlich bekommt seine Stimme einen anderer Klang. Fast Drei Viertel aller erwachsenen Patienten in seinem Krankenhaus haben das tödliche Virus im Blut, sagt er. Und während in Europa ein Aidskranker nach der Diagnosestellung noch gut fünf oder sechs Jahre überleben kann, sind es hier meist nur wenige Monate.
Er, Chefarzt und Missionar aus dem fernen Europa, hat seine eigene Methode, um das Problem anzugehen. Als überzeugter Kirchenmann ruft er von der Kanzel herab seine Schäfchen zu sexueller Mäßigung auf. Sex außerhalb der Ehe sei Sünde, sagt er, und weil die meisten Aids-Kranken sich das Virus nun mal durch sündiges Verhalten eingehandelt haben, müssen sie ihr Los halt ertragen.
Die Eltern jenes sechsundzwanzigjährigen Lastwagenfahrers haben andere Sorgen. Lange Jahre ist ihr Sohn mit seinem Truck zwischen Malawi, Mozambique und Zimbabwe umhergefahren und jetzt fühlt er sich immer schwächer, klagt über Fieber, Gewichtsverlust und über Husten, den er seit Wochen nicht mehr los wird.
Wenige Tage später ist er kaum mehr bei Bewußtsein, phantasiert im Fieber und kann schließlich nicht mal mehr seine Tabletten zu schlucken. Er stirbt, noch bevor das Ergebnis des HIV-Testes aus dem Labor zurückkommt.
Fast jeden Tag hört man in diesem Krankenhaus irgendwo die durchdringenden Wehklagen einer Mutter, die ein Kind verloren hat; sieht man Väter mit unbewegten Gesichtern in stummer Trauer.
Hundertfünfzig Kilometer weiter nördlich liegt Zomba, eine der wenigen größeren Städte von Malawi. Es ist Samstagabend. In den ungepflasterten Straßen des Viertels der indischen Händler beim Busbahnhof ist der Bär los. Die zahlreichen Spelunken haben geöffnet und durch die Türen dringen Musik und Lichtschein einladend in die tropische Sommernacht hinaus.
„Bottle Store and Ladie’s Bar“ steht in bunten Buchstaben, umrahmt von Glühbirnen über einer Tür.
Drinnen herrscht Hochbetrieb. Die Stimmung ist gut. Männer sitzen in kleinen Grüppchen auf niedrigen Schemeln und trinken Bier. Die Tanzfläche ist brechend voll. Paare wiegen sich zu den heißen Rhythmen des Kwasa-Kwasa. Frauen kommen und gehen. Immer wieder verlassen einzelne Paare unauffällig das Lokal.
Ein gutsituierter Endzwanziger hat mir inzwischen das dritte Bier spendiert und deutet mir augenzwinkernd an, daß er mir auch bei der Vermittlung anderer Dienste behilflich sein könne. 2 Kwacha kostet ein Bier, 20 Kwacha eine Frau. Ich frage ihn, ob er denn dabei nicht Angst hat und plötzlich wird er ernst. „Jetzt werben sie überall im Radio für Kondome!“, sagt er, „aber jetzt ist es zu spät!“.
Endzeitstimmung macht sich breit in Afrika. In den schwärzesten Prognosen ist von Geisterstädten die Rede und davon, daß ganze Landstriche in 20 Jahren entvölkert sein sollen. Die Aids-Katastrophe hat in Afrika Ausmasse angenommen, die unser Vorstellungsvermögen weit überschreiten.
Doch wer allein die sprichwörtlich lockere Sexualmoral der Afrikaner dafür verantwortlich macht, der wird dem Problem nicht gerecht, vereinfacht es vielmehr auf eine unzulässige Weise und neigt dazu alte Vorurteile wieder auszugraben.
Richtig ist vielmehr, daß die hygienischen Bedingungen in den armen Ländern Zentralafrikas viel primitiver sind als bei uns, und wo Menschen auf engstem Raum zusammenleben, können sich ansteckende Hautkrankheiten und Geschlechtskrankheiten viel schneller ausbreiten. Hat sich jemand zum Beispiel im Genitalbereich schon ein Syphilis-Geschwür zugezogen, dann kann das Aids-Virus dort viel leichter eindringen als durch gesunde Haut.
Wie viele es wirklich sind, die das tödliche Virus im Blut tragen, weiß keiner genau. Zahlen gibt es kaum. 1991 zeigte eine Untersuchung an Schwangeren, die in einem bestimmten Krankenhaus in Malawi zur Vorsorgeuntersuchung kamen, daß fast 20 Prozent dieser Frauen HIV-Positiv waren. Andere Untersuchungen fanden heraus, daß sich die Anzahl der Aidskranken etwa alle zwei Jahre verdoppelt und zwar in den Städten schneller als auf dem Land. Aber sonst bleibt es bei Gerüchten und Vermutungen.
An einem Spätnachmittag gehe ich ein wenig spazieren. Es hat geregnet, aber jetzt ist die Luft wieder klar. Es ist lauwarm, die Erde dampft und aus den Eukalyptushainen duftet es würzig. Ich blicke über das leicht hügelige Hochland mit den winzigen Parzellen, auf denen Mais oder Cassava angebaut wird, die braunrote Erde ist frisch gepflügt und eingesäät. In der Ferne, im Südosten kann man das bis zu 3000 Meter hohe Massiv des Mulanje Mountain sehen.
Das Land ist dicht besiedelt, überall sieht man winzige Dörfchen aus strohgedeckten Lehmhütten. Wie mag dieses wunderschöne Land wohl in 10 Jahren aussehen, frage ich mich, und wer von den vielen Kindern, die mich bald umringt haben, mag dann noch leben? Und wer von denen, die dann noch leben, wird dann noch Eltern haben?
(Burkhard Sonntag, 8.9.93)

Die Brücke steht nicht mehr: Armenische Kultur im türkisch sowjetischen Grenzgebiet

„Nach Kars wollt Ihr?“ unser Gegenüber schüttelt verständnislos den Kopf.
Nein, da gibt es doch wirklich schönere Städte in der Türkei! Natürlich ist der Name ihm ein Begriff, aber noch einmal freiwillig dorthin zurück kehren, das würde ihm nicht im Traum einfallen.
Kars: laut Ortsschild 70000 Einwohner und 1700 Höhenmeter. Viele Türken kennen es am ehesten aus ihrer Militärdienstzeit. Wie oft in seiner Geschichte, so spielt das knapp 50 Kilometer vor der sowjetischen Grenze gelegene Kars wohl auch heute noch eine strategische Rolle.
Es ist die Zeit der Abenddämmerung, wenn wir nach dreistündiger Busfahrt die weite Hochebene erreichen. Die Straße führt durch kleine Dörfer mit Häusern aus rohen Natursteinen mit grasbewachsenen Dächern. Die Außenviertel der Stadt sind sehen noch genauso aus. Schafs- Kuh- und Gänseherden werden quer über die Straße heimgetrieben. Es wimmelt von Soldaten.
Erster christlicher Staat der Welt
Am nächsten Morgen besuchen wir die armenischen Ruinen von Ani. Schon von weitem sieht man die mächtigen rotschwarzen Stadtmauern aus der kargen Ebene aufragen.
Wenn wir die Stadt durch das mit dem Relief eines Löwen geschmückte Tor betreten, fällt es uns schwer, zu glauben, daß hier einmal mehr als 100000 Menschen gelebt haben.
Die Armenier, ein indogermanisches Volk, wurden schon im 3. Jahrhundert christianisiert und waren damit noch vor Rom der erste christliche Staat der Welt. Im 9. Jahrhundert wurde Armenien unter König Aschod Bagratuni zu einem echten Großreich. Damals war Ani wohl eine der bedeutendsten Städte der ganzen Christenheit.
Heute nisten in dem Gemäuer der Kathedrale die Schwalben. Die zentrale Kuppel, erbaut von demselben Architekten, der auch die berühmte Hagia Sofia in Istanbul schuf, ist eingestürzt. Dennoch ist das Gebäude mit seinen Gewölbebögen aus rotschwarzen Stein, ohne überflüssigen Zierrat, irgendwie eindrucksvoll.
Noch schöner ist die kleine Gregorkirche mit ihren gut erhaltenen Fresken im Innenraum und den Reliefs an den Außenwänden.
Direkt dahinter geht es steil bergab und unten in der Tiefe der engen Schlucht fließt ein wilder Gebirgsbach. Der Arpa Çayi markiert die Grenze zur unruhegeplagten Sovietrepublik Armenien.
Noch gegen Ende des 19. Jahrhunderts lebten rund 1,5 Millionen Armenier in der östlichen Türkei. Aber sie waren längst zur Minderheit geworden und der Sultan Abdul Hamid hetzte ganz bewußt die islamischen Bewohner des Gebietes gegen die Armenier auf. Hunderttausende wurden bei blutigen Unruhen ermordet.
Der erste Weltkrieg verschärfte die Situation noch mehr: Im Jahr 1915 wurden unter dem Vorwand einer Umsiedlungsaktion Millionen Armenier in die syrische Wüste gebracht, wo die meisten elend verhungern. Zuvor waren die armenischen Intellektuellen in einer Nacht- und Nebelaktion verhaftet und umgebracht worden.
Unten am Fluß sieht man die Überreste einer Brücke. Die Pfeiler stehen noch: einer in der Türkei und einer in der Sowjetunion. Die Straße aber, die hier einmal den Arpa Çayi überquert hat, gibt es schon seit Jahrhunderten nicht mehr. Die lange gemeinsame Geschichte ist endgültig vorbei. Von armenischer Kultur sind in der Türkei nur noch Ruinen übriggeblieben. Wir verlassen Ani mit gemischten Gefühlen.
Am Nachmittag sind wir wieder in Kars. Von der auf einem Hügel thronenden Burg aus haben wir einen weiten Blick über die Stadt mit ihren schachbrettartig angelegten Straßen. Die Verwaltungsgebäude im klassizistischen Stil der Jahrhundertwende, die baumgesäumten Alleen und die nostalgisch wirkenden Gaslaternen lassen die Stadt europäisch wirken. Zwei kaum zwanzig Jahre alte Soldaten patrouillieren gelangweilt mit Maschinengewehren.
Am Fuße der Burg liegt die Apostelkirche: Erbaut im christlichen Mittelalter, wurde sie ein Jahrhundert später in eine Moschee umgewandelt. Dennoch steht in ihrem Inneren ein Altar und in der Kuppel sieht man eine kyrillische Inschrift.
Russische Besetzung
Im Laufe seiner Geschichte war Kars mehrmals russisch gewesen. Ab 1877 konnten sich die Truppen des Zaren sogar vier Jahrzehnte lang hier halten.
Seitdem Kars 1921 endgültig an die Türkei abgetreten wurde, steht die Kirche wieder leer. Auf dem Altar sitzen Jugendliche und rauchen. Es stinkt penetrant nach Urin. Wir gehen hinaus.
Auf der von kleinen Hotels und Läden gesäumten Hauptverkehrsstraße ist auch am Abend noch ziemlich viel Betrieb. Die Auslagen in den Gemüseläden sind so bunt wie überall in der Türkei und in dunklen und verrauchten Teehäusern spielen Männer mit bewundernswerter Ausdauer Backgammon.
Wir sitzen einem Teegarten direkt am Fluß unterhalb der Burg. Es ist angenehm kühl.
Aus dem Radio ertönt Discomusik, dazwischen von irgendwo her türkische Klänge. Plötzlich stoppt die Musik und von allen Moscheen der Stadt rufen die Muezzins zum Gebet. Nach und nach stimmt einer nach dem Anderen ein, bis sie sich zu einem vielstimmigen Chor vereinen, wie in einem Märchen aus tausendundeiner Nacht. Fast könnte einem die Stadt gefallen.
(Burkhard Sonntag, 7. 12.1990)