Rezension: „Letzte Begegnungen“ von Hannah Haberland

„Herbert, die Sterbehilfe ist da!‟, ruft es durch den Flur.
Und dann muss erstmal mit den gängigen Vorurteilen aufgeräumt werden: Nein, Palliativmedizin ist keine Sterbehilfe! Auch wenn es darum geht, Sterbenden dabei zu helfen, die letzten Tage und Stunden so lebenswert wie möglich zu gestalten. Die junge Ärztin Hannah Haberland arbeitet in einem Team der Spezialisierten Ambulanten Palliativversorgung und besucht schwerstkranke Menschen zu Hause. In ihrem Buch erzählt sie, was sie da tagtäglich erlebt: Da gibt es die wohlmeinende türkische Familie, die dem sterbenden Vater noch unbedingt einen Döner verabreichen muss, bevor er dann – frisch gebadet – mit dem Auto in die Türkei gefahren wird, wo er dann am Tag nach der Ankunft friedlich sterben darf.
Dann ist da die schwerkranke Kunsthistorikerin, die in der Villa von Freunden untergekommen ist – dumm nur, dass Diese eine große Party geplant haben, und da ist eine Sterbende im Haus eher lästig.
Aber es gibt nicht nur solch schräge Anekdoten, sondern auch den ganz normalen Alltag. Hannah Haberland schreibt wunderbar einfühlsam, ohne dabei rührselig oder schwermütig zu werden, sie humorvoll aber in keiner Weise makaber. Man erfährt nicht nur eine Menge über Palliativmedizin, sondern auch über die ambulante pflegerische Versorgung von Schwerstkranken, über unser Gesundheitssystem und die unvermeidliche Bürokratie. Die Informationen sind gut verpackt und eher beiläufig eingestreut, auf Infodumping wird bewusst verzichtet.
Jedem, der sich mit dieser schwierigen Materie beschäftigt oder beschäftigen muss, ist dieses Buch dringend empfohlen.
Ich habe es jedenfalls in einem Rutsch durchgelesen.

Die Autorin hat übrigens heute einen Gastbeitrag im Focus Online geschrieben: „Wenn der Tod zum Alltag gehört: Hannah Haberland begleitet unheilbar kranke Menschen“